Sex und Macht in der Kirche

Sex bestimmt mein Tagesgeschäft.

Ja. Es stimmt. Ich kann nicht aus dem Haus gehen und meine Arbeit machen, ohne dass mein Geschlecht eine Rolle spielt.

Das Spiel von Sex und Macht ist wie ein täglicher Tanz

Vor Kurzem haben wir einen Ball in unserer Kirche veranstaltet. Wir haben die Bänke für eine Tanzfläche zur Seite geräumt, die Kirche in lila Licht mit getaucht und eine Band Lovesongs spielen lassen.

Die Frauen aus der Nachbarschaft waren schon Wochen vorher völlig aus dem Häuschen. Sämtliche Gespräche hatten nur ein Thema: Das Ballkleid.

„Wie soll es aussehen?“ „Wo kann man es am besten kaufen?“ Und natürlich: „Wird frau darin auch tanzen?“ Das waren die alles bestimmenden Fragen.

Eine Nacht lang Prinzessin sein dürfen! Sich hübsch anziehen und sich zum Tanz auffordern lassen… Hach! Das war wie ein Traum für unsere Leute hier. Und ich finde es schön, sowas auch mal wahr werden zu lassen. Das Leben ist schon hart genug.

Und trotzdem war der Traum von der Ballnacht für mich im Vorfeld ein Alptraum. Ich hatte vor allem ein Problem dabei: Wie soll ich das jetzt mit dem Tanzen machen?

Als Pastorin, Kirchengemeinderatsvorsitzende und Frau in einer Leitungsrolle versuchen mich schon ohne einen Ball in meinem Alltag nonstop Männer zu führen. Es gibt mehr als nur die eine Möglichkeit, das mit körperlichen Berührungen zu machen. Die Varianten an Verhaltensweisen, einem anderen Menschen seinen Rhythmus zu diktieren, sind vielfältig.

Alltagssexismus for Dummies

Wenn ich einen How-To-Ratgeber für den wirkungsvollen Einsatz von Sex und Macht schreiben sollte, würde ich folgende Tipps geben:

  1. Unterbrechung

Wenn Du einen Menschen demoralisieren, destabilisieren und verunsichern willst: Unterbrich sie. Falle ihr so oft wie es geht, ins Wort. Und was noch viel besser funktioniert: Führe möglichst viele Nebengespräche, wenn sie spricht. So demonstrierst Du auch der ganzen Gruppe, dass Du sie nicht ernst nimmst.

Auf diese Weise kommt sie aus dem Gleichgewicht und Du übernimmst mühelos die Führung.

  1. Abwertende Kommentare

Eine wirkungsvolle Methode, die Pastorin auf Deine Linie einzutakten, ist, Dein Lob zu vergiften. Füge Deiner Anerkennung Kommentare bei wie „Das hätte ich von dir ja gar nicht gedacht“. Sehr gut funktioniert auch, ihre Arbeit fortwährend zu vergleichen. Vorzugsweise mit der männlicher Kollegen. So lässt Du die Puppen tanzen, und sie wird versucht sein, sich pausenlos Deine Wertschätzung zu erarbeiten.

  1. Maßregelungen

Besonders jungen Frauen darfst Du sagen, wie sie sich zu verhalten haben. Verfolge  dabei konsequent einen Erziehungsauftrag. Kritisiere nach möglichst vielen Begegnungen, wie sie sich benommen hat. Erkläre ihr, wie „man(n)“ das macht. Schließlich muss man ihr ja Takt beibringen.

  1. Mansplainung

Erzähle der Pastorin etwas über ihren eigenen Job. Erkläre ihr vor dem Gottesdienst, wo die theologischen Knackpunkte des Predigttextes sind. Lasse sie auch in anderen Belangen der Pfarramtsführung möglichst häufig väterlich an Deinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben.

Wichtig ist auch: Erzähle im Kirchengemeinderat im Brustton der Überzeugung falsche Fakten. Auch wenn die Pastorin sie direkt darauf richtig stellt, wird sie es schwer haben, damit durchzukommen. Denn: Du bist der kompetente Mann! Und schließlich macht ja auch der (dominante) Ton die Musik.

  1. Direkter Machtkampf

Nimm der Pastorin zur Not auch gerne Sachen per Beschluss aus der Hand. Wenn sie sich hartnäckig anstellt: Beauftrage jemand anderen aus dem Kirchengemeinderat oder den männlichen Kollegen, sich um Dinge zu kümmern, die Du gerne in Deinem Interesse geregelt hättest.

Ist sie immer noch nicht gefügig, sage ihr direkt, dass sie sich doch nur in den Vordergrund spielen will. Das sitzt auf jeden Fall, denn Frauen haben internalisiert, dass das ein „böses“ Verhalten ist und sie das nicht dürfen. Sexistische Kommentare wie „Das ist doch alles nur Zickenterror“, sind bei Bedarf nahtlos anschlussfähig. Das ist das Lied, das allen kleinen Mädchen vorgesungen wird. Sie weiß sich entsprechend dazu zu bewegen.

  1. Anfassen und Flirten

Fasse die Pastorin bei jeder Dir sich bietenden Gelegenheit an. Berühre sie am Arm, um sie in eine bestimmte Richtung zu ziehen oder zu drücken. Lege ihr die Hand auf die Schulter, gerne auch zur Beschwichtigung. Auch zur Ermutigung kannst Du sie berühren, und natürlich auch, um Dein Wohlwollen zu zeigen. Wichtig ist nur, dass Du ihr mit Deinem Über-Griff zeigst, dass Du sie in Besitz nimmst.

Du kannst ihr aber auch Komplimente machen oder ihr in den Ausschnitt gucken. Reduziere sie auf ein Objekt der Begierde und mache ihr damit klar, dass Du weder sie noch ihre Kompetenz ernst nimmst.

Dafür kannst Du aber eine gute Figur mit einer schmückenden Tanzpartnerin am Arm machen.

Ein guter Tanz braucht beide Partner

Das, was ich beschrieben habe, sind Erfahrungen, wie mich Menschen dazu gebracht haben, nach ihrer Pfeife zu tanzen. Das ist schon schlimm genug und kostet mich täglich Energie, da nicht drauf einzusteigen.

Aber das, was mich wirklich aus dem Takt bringt, ist, mit anzusehen, wie sehr Frauen das verinnerlicht haben und ihnen dadurch oft keine anderen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, als die an sie herangetragene Rollenerwartung zu erfüllen.

Anstatt auf Augenhöhe zu begegnen, wird eine unterwürfige Haltung eingenommen. Anstatt in den Konflikt zu gehen, wird der Erwartung der lieben oder hilflosen Frau entsprochen.

Ich kenne das selbst von mir, dass ich in solche Verhaltensweisen falle. Und ich habe es an mir selbst auch beobachtet, dass ich, um mit meinen Anliegen gehört zu werden, nicht über direkte Konfrontation gegangen bin, sondern mich habe an Arm und Schulter anfassen lassen, um das Gegenüber ebenfalls zu beeinflussen.

Um eine Diskussion in der Sitzung zu umgehen oder um in Verhandlungen geschont zu werden, habe ich der flirty Haltung des männlichen Alphatiers oft mehr oder weniger unbewusst entsprochen.

Aus dieser Erfahrung wäre es sehr arrogant, das zu verurteilen, wenn ich das bei Frauen erlebe. Und das tue ich. Leider viel zu oft. Aber, was ich sehr deutlich benennen möchte, ist: Wenn ich mich so verhalte, dann setze ich selbst auch Sex ein. Weil ich jemand anderem die Macht gebe. Genauso wird es von mir auch erwartet. Das muss mir in solchen Momenten klar sein. Und letzten Endes verhalte ich mich sexistisch gegenüber mir selbst.

Sexismus ist zum Einen nicht nur bei einem Geschlecht zu verorten. Er ist in Männern wie Frauen sehr tief verankert. Und daher kann er sich auch sehr gut auswirken, wenn ihm Raum dazu gegeben wird.

Ich möchte an dieser Stelle Folgendes ausdrücklich nicht sagen: Dass Frauen sexistisches Verhalten oder gar sexualisierte Gewalt provozieren und sich entsprechend anders verhalten müssen, so wie es in der #Metoo-Diskussion vielfach gegen Frauen verwendet worden ist.

Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass Frauen (und auch Männer) es schwer haben, aus diesem Tanz von Sex und Macht auszusteigen.

Ich habe eine Zeit lang versucht, mich nicht auf dieses Parkett zu begeben, indem ich mich unattraktiv gemacht habe. Ich war alle diese Übergriffe so Leid, die ich weiter oben in meinem kleinen Sexismus-Leitfaden für Dummies beschrieben habe. Ich konnte mich nicht anders wehren, als mir in der Männerabteilung Klamotten zu kaufen und möglichst wenig Weiblichkeit gezeigt habe. Sowohl in der Optik als auch oft genug im Verhalten.

Ich wollte einfach nicht mehr über Sex und Macht geführt werden. Ganz klar auch nicht mehr über Berührung und Flirtversuche.

Aber soll ich mich denn von allen Tänzen im Leben selbst ausschließen? Und damit aus dem Leben selbst? Und ist es richtig, mich hässlich zu machen, obwohl Gott mich wunderbar gemacht hat? Sogar Gott trägt manchmal ein schönes Kleid, sagt die Bibel: Licht ist das Kleid, das du anhast (Ps 104,2).

Tanzen gehört zum Leben

Als die Ballnacht immer näher kam, habe ich mir auch ein schönes Kleid gekauft. Ich hatte rote Schuhe an und einen roten Lippenstift.

Die Gemeinde hat mich da so gesehen, wie ich bin und nicht verkleidet und versteckt.

Ich habe an dem Abend auch getanzt. Mit den Frauen aus der Nachbarschaft. Ohne anfassen. Und es war toll, das zu tun, was ich gerne möchte. Als ich selbst.

Obwohl ich sehr schön angezogen war, hat mich niemand angefasst. Denn eine Aufforderung zum Tanzen kann man ja auch ablehnen.

An diesem Abend hat mal nicht Sex mein Leben bestimmt. Sondern nur der Tanz. Der liegt nämlich in meiner Macht.