Nett ist mein Kryptonit

Wahrscheinlich sollte man keine Texte bloggen mit Wut im Bauch. Frau sowieso nicht, denn wir haben ja als Kinder schon gelernt: Sei nett. Wut und Aggression sind böse. Und niemand mag böse Mädchen. Weiß ja jeder, der schonmal die Brigitte gelesen hat, gähn, alter Hut.

Also einfach weiter machen: Lieb und unkompliziert sein. So ist es brav.

Und das war ich dann auch in der letzten Woche. Ein sehr braves Mädchen. Unkompliziert und nett. Obwohl ich wütend war. Aber leider nicht böse.

Just drei Tage vor dem Besuch unserer Partnergemeinde aus Riga schaffte die Synode der lettischen Kirche die Frauenordination ab. Mit biblischer Begründung: Das Weib schweige in der Gemeinde.

Trotzdem nahm ich den lettischen Kollegen nett in Empfang. Er war Gast in meinem Haus, wir führten nette Gespräche. Am Sonntag feierten wir zusammen Gottesdienst in meiner Kirche, bei dem ich natürlich nicht geschwiegen habe. Am Ende gab es ein nettes Foto von uns in Talar und Halskrause, unser Christus am Altar mit ausgebreiteten Armen über uns: Symbolisch eins in Christus. Ganz wie es die Bibel sagt. In Realität kann man weiter gar nicht auseinander sein.

Alles war furchtbar nett. – Und ich ärgere mich.

Mit dem Thema der Abschaffung der Frauenordination in Lettland war für einen Moment überall das Thema Sexismus im Spotlight. Politisch korrekt durfte sich jeder mal ordentlich empören. Ist ja woanders, zum Glück nicht bei uns.

Aber was in Wirklichkeit viel schlimmer ist das, was frau jeden Tag hier erlebt.

Nehmen wir … mich: Ich bin Pastorin und Geschäftsführerin einer Kirchengemeinde mit fast 5.000 Mitgliedern, mehreren Mitarbeitern und einem Haushalt von einer halben Million Euro jedes Jahr.

Solange ich nur neben einem männlichen Kollegen die junge Frau war, die die Kindergartenarbeit macht und die Jugendlichen bespaßt, hatte ich ein echt schönes Leben. Findet ja jeder sympathisch so eine junge Vorzeige-Pastorin.

Als neuerdings eine Pastorin von zweien mit Leitungsverantwortung erlebe ich heute die ganze Bandbreite von real existierendem Sexismus. Ja, ich benutze das böse Wort!

Für mich ist es Alltag, dass die männlichen Kirchengemeinderatsmitglieder buchstäblich über meinen Kopf hinweg entscheidende Gespräche führen, während ich zwischen ihnen stehe. Dabei scheuen sie sich auch nicht, hin und wieder auf mich herabzublicken und mir zu sagen, was ich in meinen Gottesdiensten zu tun und zu lassen habe.

Und das ist noch längst nicht alles: Ich muss mir von Seniorinnen anhören, dass doch bitte mindestens ein Mann Pastor in der Gemeinde zu sein hat. Die „Frauen-untereinander-zicken-rum“-Sprüche der Kollegen und Kolleginnen lassen meistens auch nicht lange auf sich warten.

Mir als selbst wird als Chefin konsequente Personalführung oft als Inkompetenz ausgelegt, unpopuläre Leitungsentscheidungen als Unreife. Gerne mal mit dem konkreten Versuch, mir manches in Machtkämpfen aus der Hand zu nehmen. – Wenn frau da nicht extrem tough ist, geht der Laden schneller den Bach runter als Mann gucken kann.

Längst normal ist es für mich zudem geworden, dass Mitarbeiter, männlich wie weiblich, nicht unbedingt die Aufgaben erledigen, die sie von mir bekommen. Dass männliche Kollegen mich anrufen und mir großväterlich gute Tipps geben …

Ich könnte die Liste noch ewig weiter führen. Immer mit der Wut im Bauch, dass all das, was ich schreibe, möglicherweise doch nur als empfindlich-zickig-feministischer Blabla abgetan wird.

Lieber würde ich in meinem Blog meinen Alltag mit netten, witzigen Geschichten verpacken, die leicht verdaulich sind.

Also unkompliziert. Nett.

Gerne würde ich mal wieder richtig nett sein. Die Liedzeile „All of my kindness is taken for weakness” aus Fourfiveseconds von Rihanna, Kanye West und Paul McCarney ist allerdings mein Alltag. Nett sein, kann ich mir nur dann erlauben, wenn ich auch in der Leitungsrolle respektiert werde.

Diesen Luxus, nett zu sein, leiste ich mir sehr oft. Und wenn es nötig ist, hoffe ich, dass ich immer mehr und immer wieder eins sein kann: Ein böses Mädchen.