Tag #11 – Da gehe ich nicht rein!

Als ich Pfarrerin in Thüringen war, sind Menschen bis an die Schwelle der Kirchentür gekommen. Keinen Schritt weiter. Die Antwort auf meine Einladung, hereinzukommen, war immer gleich: „Da gehe ich nicht rein.“

Der Onkel bei der Konfirmation seiner Nichte raucht solange eine vor der Kirche. Der Spielmannszug des Kirmesvereins bringt die Leute genau bis an die Kirchentür und bleibt dann stehen.

„Da gehe ich nicht rein.“

Was Menschen in ihrem Leben lernen, sitzt tief. Auch ein Leben unter einem Regime, das das Betreten von Kirchen sanktioniert.

In meinen sechs Jahren als Pastorin in Lübeck, habe ich Tausende über die Schwelle der Kirche, in der ich arbeite, gehen sehen. Wirklich Tausende.

Manche davon waren mit ihren schönsten Kleidern angezogen. Auf dem Weg zum Altar. Manche haben ihre Kinder über die Kirchenschwelle getragen. Zur Taufe.

Chorsängerinnen, Trauernde, Konzertbesucher und auch einfach nur Gläubige: Sie alle haben die Schwelle in die Kirche überschritten.

Es ist niemand vor der Tür stehen geblieben. Und doch sind viele bis dahin gar nicht erst gekommen.

Was Menschen in ihrem Leben lernen sitzt tief. Auch ein mieses Image über Jahrzehnte hinweg ist tradiert und gelernt.

Und was Menschen in ihrem Leben gar nicht kennenlernen, kommt einfach nicht vor.

Dann findet in unserer Kirche ein Konzert eines lettischen Mädchenchores statt. Menschen aus der Nachbarschaft erzählen sich von Mund zu Mund, dass das schön ist.

„Entschuldigen Sie bitte, Frau Pastorin“, sagt eine ältere Frau, „Wo sind denn hier die Toiletten? Ich wohne hier schon vierzig Jahre. Aber bin das erste Mal in meinem Leben hier.“

Ich glaube, dass Menschen lernfähig sind.

Und ich glaube, dass auch die, die in der Kirche arbeiten, lernen können, wie man Türen öffnet.