Tag #18 – Über die Angst

Ich habe nie mehr verstanden, was die Bibel über Hoffnung und Vertrauen sagt, als in dem Buch „Life of Pi“ von Yann Martel. Der einzige Weg zu einem Leben, über das ein Mensch selbst bestimmen kann, ist, sich der eigenen Angst zu stellen:

Angst ist der einzige echte Feind des Lebens. Nur Angst kann das Leben bezwingen. Angst ist ein raffinierter Gegner. Sie kennt keine Moral, akzeptiert kein Gesetz und keine Konvention, sie ist unerbittlich. Sie sucht sich bei jedem den schwächsten Punkt und findet ihn ohne Mühe. Sie beginnt ihren Angriff im Kopf, immer. Nicht lange, und man macht Fehler. Man lässt seinen letzten Verbündeten ziehen: Hoffnung und Vertrauen. Und schon hat man sich selbst besiegt. Die Angst, die doch nichts weiter war als ein Hirngespinst, triumphiert.

Es ist nicht leicht, diese Dinge in Worte zu fassen. Denn echte Angst, diejenige, die uns bis in die Grundfesten erschüttert nistet sich in der Erinnerung ein wie ein Faulbrand: Sie lässt alles verrotten. Selbst die Worte, mit denen wir von ihr sprechen. Man muss um diese Worte kämpfen und sie ans Licht zerren. Denn wer das nicht tut, wer seine Angst im wortlosen Dunkel lässt, wem es womöglich sogar gelingt, sie zu vergessen, der öffnet sich jedem neuen Angriff der Angst. Weil er mit dem Gegner, der ihn beim ersten Mal bezwang, nie wirklich gerungen hat.

(Aus: Schiffbruch mit Tiger, Yann Martel)