#1 Mal ehrlich: Die Lüge vom glücklichen Instagram-Leben

Manchmal finde ich Instagram grausam. Vor allem, wenn ich bei Menschen bin, die kein Leben haben wie auf hoch glänzenden Fotos mit schönen Szenen: Die Sonne scheint, die Drinks sind bunt, die Familie strahlt, das Essen schmeckt.

Bitte versteht mich nicht falsch: Ich glaube wirklich, dass es Menschen gibt, die ein Leben führen, das solche Bilder hat. Sogar unbearbeitet und ohne Filter. Als Pastorin komme ich ein bisschen rum und weiß daher, dass da Leute sind, die wirklich glücklich und zufrieden sind, mit dem, was sie haben und wie sie leben. Meistens haben sie es geschafft, sich selbst treu zu bleiben, nicht an die Märchen zu glauben, dass alle anderen ein viel tolleres Leben haben, und sie haben gelernt, nicht zu viel von allem zu erwarten. Das sorgt dann dafür, dass sie die Schönheit des Lebens sehen können, ohne dass sie inszeniert ist.

Aber aufgrund meines Jobs weiß ich auch, dass das die wenigsten Menschen von allen sind. Wenn man an die Geschichten von einem Leben in Hochglanzfarben glaubt, dann fängt man an, sich selbst Geschichten zu erzählen. Und das ist dann im Grunde auch das Drama. Weil man ja unbedingt ein ganz tolles Leben haben muss, fängt man dann manchmal an, sich das zu erzählen. Auch, wenn es gar nicht so ist. Ich glaube, dass es letzten Endes das ist, was Menschen erst so richtig unglücklich macht: Sich nicht einzugestehen, dass das jetzt gerade im Moment einfach nicht richtig für einen ist. Dass es aber eigentlich Möglichkeiten gibt, die richtig sind.

Und dann sind da noch die Menschen, die in einer unglücklichen Lebenssituation sind, aus der sie so gut wie unmöglich herauskommen können: Falsche Entscheidungen getroffen. Das Schicksal hat Weichen gestellt. Da sind Menschen abhängig von einem, und man kann da nicht so einfach raus.

Was macht denn da mit den bunten Instagram-Bildern vom Leben?

Ich glaube, dass Menschen in ihrer Biografie manchmal an einem falschen Ort landen, der für sie nicht richtig ist. Und manchmal umgibt man sich dann auch noch mit den falschen Leuten, die einem nicht gut tun.

Ich glaube, dass es immer einen Weg gibt, sich zu entscheiden, da wieder weg zu gehen. Aber solange man da an dem Ort ist, hat es seinen ganz eigenen Sinn.

Manchmal wäre dieser Ort ohne mich noch ein bisschen trister und trauriger als ich ihn empfinde. Manchmal habe ich eine Mission dort zu erfüllen. Denn Menschen brauchen mich dort. Das sind die Momente, bei denen ich daran denke, dass Martin Luther mal gesagt hat, dass es auch einen Gottes-Dienst im Alltag gibt.

Manchmal verändert es die Welt ein bisschen, dass ich da bin. Genau an dem Ort, wo ich bin. Manchmal verändert es auch mich. So, dass ich für das fit bin, was da noch kommt. Ich muss mir keine Geschichten erzählen darüber, dass das alles ganz toll ist, wenn es das nicht ist.

Auch davon darf Instagram erzählen: Von tollen Menschen, die in nicht so tollen Situationen ein wenig mehr Farbe in die Welt bringen.