#2 Mal ehrlich: Der Wahrheit ins Gesicht sehen

Vor Kurzem habe ich mir eine Auszeit genommen. Einfach mal an den Strand. Handy aus. Ich bin dann mal weg.

In den nächsten Wochen vor Ostern soll man ja nicht lügen. Dazu gehört auch, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, wenn sie denn vor einem steht.

Also: Raus aus dem Alltag, Zettel und Stift mitgenommen, und einfach mal aufgeschrieben, was wahr ist.

So ein bisschen hatte ich ja schon den Verdacht, dass ich bei manchen Themen die Augen zu mache, so wie damals im Kindergarten: „Wenn ich es nicht sehe, dann sieht es mich auch nicht.“

Ich hatte zum Beispiel die Ahnung, dass ich im Grunde meines Herzens einsam sein könnte. Das bringt mein Job so mit sich: Jede Person in meinem Leben spricht nicht (nur) mit Carola, sondern immer (auch) mit Pastorin Scherf. Mit Ausnahme der Mitglieder meines Fitnessstudios. Die wissen teilweise gar nicht, was ich von Beruf bin. Und dennoch: Fast mein ganzes Leben ist mein Beruf, fast alle Beziehungen sind professionell.

Also: Die Frage „Bin ich einsam?“ muss unbedingt auf meine Liste.

Und wie sieht es überhaupt aus mit den Beziehungen in meinem Leben? Von Berufswegen muss ich Menschen an sich ja schonmal super finden. Aber finde ich wirklich alle Leute freundlich und förderlich, mit denen ich in Beziehung stehe? Oder gucke ich bei manchen einfach nicht richtig hin?

Ich weiß das von Menschen, dass sie manchmal blind sind, wenn es um Beziehungen geht. Niemand möchte einsam sein. Die meisten wollen nett sein und geliebt werden.

Manchmal kann auch nicht sein, was nicht sein darf: Zum Beispiel, dass die Partnerin einen überhaupt nicht nett behandelt. Im Gegenteil. Aber was kann man denn als Mann schon tun, wenn man unter häuslicher Gewalt leidet? „Das kann doch nicht wahr sein, das kann doch nicht mir passieren.“ Also einfach Augen zu und durch. Jeden Tag wieder neu.

Und es kann doch auch nicht wirklich Menschen geben, die nach einer Begegnung mit ihnen einen schlechten Nachgeschmack hinterlassen. Oder? Da habe ich mich gerade bestimmt nur versehen oder verhört. Das war in Wirklichkeit bestimmt ganz nett gemeint.

Ich weiß aus 15 Jahren im Pfarramt, dass es nur genug von diesen Selbstbeschwichtigungen braucht, bis ich Leute Zuhause besuchen muss, die seelisch völlig erschöpft und nicht mehr arbeitsfähig sind.

Ich bin der Überzeugung, dass der Dienst, den wir als Kirchen Menschen tun können, genau der ist, sie zu ermutigen, sich in einem liebevollen Licht anzusehen, wie die eigenen Gefühle wirklich sind. Ob eine Beziehung wirklich gut tut, oder ob es Selbstverleugnung und – verletzung ist, sich das zu erzählen.

Moralinsaure Stimmen haben Menschen meist selbst schon genug im Kopf, da wäre es unehrlich und unauthentisch, zu predigen, dass man ja nur das eigene Ego runterschlucken und das Beste draus machen muss.

Also: „Beziehungen angucken“: Ab auf meine Liste.

Ich saß auf einem Stein an diesem Strand und habe einfach mal ganz ehrlich alles aufgeschrieben, was ich denke, wie ich empfinde, und wie ich die Dinge sehe. Alles, wovor ich irgendwie Angst hatte und geglaubt habe, dass das irgendwie schrecklich sein würde, wenn ich dem so schwarz auf weiß ins Auge sehen würde, stand am Ende auf dem Papier.

Und?

Es war gar nicht so schlimm. Alles, was ich da vor mir hatte, wusste ich ja eh schon irgendwie. Und das alles einmal so von Angesicht zu Angesicht zu sehen, hat dem Ganzen eher den Schrecken genommen.

Eigentlich ist es besser, genau zu wissen, wenn einem jemand nicht gut tut. Das macht es leichter, einen höflichen Bogen um ihn oder sie zu machen und damit mehr Zeit für die netten Menschen im Leben zu haben.

Und ich habe beim genauen Hingucken gemerkt: Ich bin überhaupt nicht einsam. Das war nur ein Schreckensgespenst in meinem Kopf. Die Stunden der Auszeit ganz allein mit mir selbst, haben mir gut getan und mich gestärkt. Alleinsein ist manchmal gut. Und es bedeutet noch lange nicht, dass man einsam ist.

Manchmal sind es nur ein oder zwei, vielleicht auch drei Menschen, denen ich wirklich etwas bedeute. Das ist genug, um dankbar dafür zu sein.

Ich kann nur jeden und jede da draußen ermutigen, auch der Wahrheit und damit sich selbst ins Gesicht zu sehen.

Ich glaube, dass ich dadurch auch den anderen wieder ehrlich in die Augen schauen kann. Ohne Heuchelei. Mal ehrlich.