#3 Mal ehrlich: Totschweigen ist auch nicht die Wahrheit

Meine Aufgabe als Seelsorgerin ist es, auszusprechen, was nicht gesagt werden darf.

Die Unbarmherzigkeit zu durchbrechen, nicht sagen zu dürfen, wie es einem wirklich geht, ist mein Job.

Mein Dienst besteht darin, hinter jedes „Es geht schon“ ein „Aber“ zu setzen, hinter jedem aufgesetzten Lächeln das geschluckte Leid zu sehen, und den Raum für Worte aufzuschließen, die Menschen weggesperrt haben.

Ich verleihe meine Stimme. Für das, was durch Schweigen zum Tode verurteilt wurde.

Alles das, was Menschen nicht sagen dürfen, dürfen sie nicht fühlen. Es darf nicht wahr sein, was nicht sein darf.

Wenn Gefühle verleugnet werden, ist das gelogen. Aber die Lügner sind nicht diejenigen, die verstummen. Sondern die, die nicht hören wollen, was nicht gesagt wird.

Nur, weil beim Totschweigen nicht geschlagen wird, heißt es nicht, dass es keine Gewalt ist. Denn es gibt immer etwas, das dabei stirbt. Und das ist nicht nur die Wahrheit.