#4 Mal ehrlich: Die Wahrheit über die Kirche

Die Wahrheit über die Kirche ist, dass da manchmal Sachen passieren, die menschlich sind. Gerade weil da so viele Menschen sind. Und die machen ja bekanntlich auch Fehler.

Ich weiß, dass oft gelästert wird von Leuten in und außerhalb der Kirche. Über Pastor*innen, über Gottesdienste und Predigten. Und manchmal sickert es auch bei Nicht-Kirchenleuten durch, dass da in den christlichen Gemeinden genau dieselben Sachen passieren, die in Wirtschaftsbetrieben, Schulen und Familien auch vorkommen. Dass Leute nicht miteinander klarkommen, dass es Stress und Streit und Gemeinheiten gibt.

Ja. Das ist die Wahrheit. Auch bei Christens kommt man sich manchmal vor wie in einer Soap Opera der Menschlichkeit.

Es ist kein großes Geheimnis, dass auch die Kirchenleitungen nicht vor Fehlern gefeit sind. In dem Jahr, als ich mein erstes theologisches Examen gemacht habe und in die praktische Ausbildung, das Vikariat, gehen wollte, haben viele Landeskirchen ekd-weit eine Kette von Fehlern gemacht, die in ihren Auswirkungen 15 Jahre später erst so richtig anfangen, ihr Potenzial zu entfalten.

In bestem Wissen und Gewissen haben viele Kirchen Anfang der 2000er entschieden, den theologischen Nachwuchs nur noch sehr ausgewählt und in geringer Anzahl in den Pfarrdienst aufzunehmen. Sparzwänge und entsprechende Zukunftsprognosen haben die Synodalen in großer Mehrheit die Hand dafür heben lassen.

Der Grundstein für den Fachkräftemangel in der Kirche ab dem Jahr 2020 wurde im Jahr 2004 gelegt.

Ich erinnere mich noch daran wie an einen Alptraum, dass ich buchstäblich über Nacht ohne Jobaussichten mit zigtausenden Euro BAföG-Schulden auf der Straße stand. Beim Supermarkt nebenan sagte man mir, dass ich da nicht an der Kasse arbeiten könne. „Überqualifiziert.“ „Echt jetzt?!“  

Beim Arbeitsamt lachte man mich aus. Und am Ende habe ich dann Leuten am Telefon Zeitschriften-Abos verkauft.

Die meisten von uns haben es dann doch mit der Zeit ins Pfarramt geschafft. Auch ich. Die Erfahrungen, die ich bis dahin gesammelt habe, haben mich auch zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.

Es ist zwar ein bisschen wahnwitzig, dass auch ich heute bei der Kampagne mitmache, die dringend theologischen Nachwuchs in die Kirche holen will. Aber naja.

Warum mache ich das?

Obwohl mir von meiner ehemaligen Heimatlandeskirche ausdrücklich gesagt wurde, dass ich niemals im Pfarramt arbeiten werde, wurde ich im letzten Jahr in meiner jetzigen Landeskirche für ein Programm vorgeschlagen, das sogar für eventuelle kirchliche Leitungspersonen ausgerichtet war.

Ich machte in diesem Rahmen also eine Art Praktikum bei einer kirchlichen Leitungsperson.

Ich durfte einer Pröpstin über die Schulter schauen, wie sie jeden Tag Entscheidungen fällt, mit Menschen und Personal umgeht und im Dienst ihrer Kirche unterwegs ist. Von Gemeinde zu Gemeinde, Sitzung zu Sitzung. Und auch von Mensch zu Mensch.

Mit ihr zusammen war ich an kirchlichen Stellen zu Gast, die ich vorher nie gesehen hätte.

So sehr wahr es auch ist, dass Menschen in der Kirche Fehler machen, so wahr ist es aber auch, dass ich nach diesem Praktikum nach Hause gegangen bin, voller Stolz darüber, dass in meiner Kirche – bis zur höchsten Stelle und gerade dort – Leute arbeiten  die im Dienst der Menschen einen wirklich geradlinigen und guten Job machen.

Auch das ist die Wahrheit: Meine Kirche ist wunderbar. Und ich arbeite gerne für sie.

Ja. Es ist wahr, dass es auch in den Gemeinden Querelen gibt. Es gibt Streit, Neid und Meckereien.

Gerade weil bei uns jeder kommen darf und so sein darf wie er oder sie ist, wird es manchmal wirklich speziell, wenn Leute von der verschiedensten Art aufeinander prallen.

Aber es ist auch wahr, dass kaum irgendwo sonst so nette, freundliche und tatsächlich christliche Menschen anzutreffen sind.

Die Wahrheit ist, dass da Gerda ist, die jeden Mittwoch ihren Handarbeitskreis veranstaltet und dabei seit über 40 Jahren mit den Frauen dort über ihre Sorgen und Freuden spricht. Und nach dem Stricken kommt auch manchmal der Prosecco auf den Tisch, und es wird ein 80. Geburtstag gefeiert.

Die Wahrheit ist, dass dort Irma ist, die immer zur Stelle ist, wenn etwas vorbereitet werden muss, die die Ostereier für die Kinder nach dem Familiengottesdienst auf der Wiese versteckt, und die die Menschen freundlich an der Kirchentür begrüßt.

Die Wahrheit ist, dass da Wilma, Günther und Alfred sich gegenseitig Bescheid sagen, wenn es einem Gruppenmitglied nicht gut geht, wenn jemand im Krankenhaus ist oder wenn da jemand Beistand braucht, weil in der Familie gerade jemand gestorben ist.

Das alles ist wahr. Die Fehler und Macken. Aber auch die Freundlichkeit und die Liebe.

Die Wahrheit über die Kirche ist, dass da manchmal Sachen passieren, die menschlich sind. Gerade weil da so viele Menschen sind.

Und ich danke Gott für so viel Menschlichkeit.