#7 Mal ehrlich: Die Wahrheit über die Angst

Der Leidensweg Jesu fängt eigentlich an in einem Garten.

Es gibt im evangelischen Gesangbuch eine Liedstrophe*, die diese Szene dort vor Augen stellt, mit der alles beginnt:

Seht hin er ist allein im Garten. Er fürchtet sich in dieser Nacht. Weil Qual und Sterben auf ihn warten. Und keiner seiner Freunde wacht.

Ein unglaublich persönlicher Moment: Jesus, allein und verlassen. Und mit Angst.

Es ist sehr selten, dass wir Jesus in der Bibel Emotionen zeigen sehen. Manchmal wird er wütend. Wenn er es zum Beispiel mit den arroganten Pharisäern zu tun hat. Einmal hat er auch geweint, als sein Freund Lazarus gestorben ist.

Dass Jesus Angst hat vor dem, was da kommen wird, das ist etwas zutiefst Menschliches.

Ich glaube, dass jeder Mensch Angst hat. Sigmund Freud sagt, es gibt drei Arten von Angst in einem Menschen.

Die Angst vor äußeren Gefahren, wie zum Beispiel die Angst, wenn ein Feuer ausbricht, ist real.

Dann ist da die neurotische Angst. Sie ist nicht real. Sie existiert nur in Gedanken. Das ist die Angst davor, uns wirklich authentisch zu zeigen, wie wir sind und wirklich zu unseren Bedürfnissen zu stehen.

„Nimm bloß nicht zu viel Aufmerksamkeit in Anspruch. „Nerv nicht.“ „Iss nicht so viel.“ Das sind da die Stimmen im Kopf. Und die sagen damit: „Wenn du das alles machst, was du willst, dann wirst du nicht geliebt.“

Und dann gibt es noch die moralische Angst. Die orientiert sich an so Kategorien wie „Das macht man nicht“ oder an „Man muss doch immer“. Es ist eine Art Angst, zu versagen. Erwartungen nicht zu erfüllen. Diese Angst sorgt für Schamgefühle. Oder auch für Angst davor, in irgendeiner Form „bestraft“ zu werden, wenn man nicht alles richtig macht.

„Mach keine Fehler.“ „Sei perfekt.“ „Mach das ordentlich.“ „Reiß dich zusammen.“ Das sind die Sätze, die einem die Angst da ins Ohr flüstert.

Manchmal sorgen solche Einflüsterungen der Angst dafür, dass man nervös wird. Das kann bis dahin gehen, dass man zittert. Manchmal kann man aus Angst nicht schlafen. Oder es gibt Alpträume. Angst kann ein schrecklich nagendes Gefühl sein.

Und wenn wir uns jetzt mal daran erinnern, wie sich das anfühlt, Angst zu haben, dann können wir uns da vielleicht ganz gut reinversetzen, wie Jesus sich da fühlt. So allein in diesem Garten.

Die Angst davor, verlassen zu werden, und dass Menschen einen fallen lassen, weil man sich nicht gefällig genug verhält, die hat sich für ihn schon erfüllt.

Seine Freunde, die ihm eigentlich wachend zur Seite stehen sollten, schlafen tief und fest. Einer von ihnen hat ihn sogar verraten. Und die reale Gefahr, bestraft dafür zu werden, wer man ist und wie man ist, steht unglaublich bedrohlich vor Augen. Auch die Gefahr, das Leben zu verlieren, ist real.

Die Angst, die Jesus da hat, ist berechtigt. Es wird sich alles erfüllen, wovor er Angst hat.

Und trotzdem – obwohl er solche Angst hat – weicht er nicht ab. Er steht dazu, wovon er überzeugt ist. Er steht dazu, wer er ist.

Wer ist er? Wovon ist er überzeugt?

Jesus hat sein ganzes Leben daran geglaubt, dass es eine bessere Welt geben muss, als die, die Menschen aus ihr machen. Und er hat immer wieder gesagt, dass es am eigenen Verhalten liegt, die Welt besser zu machen: Mit anderen Menschen respektvoll umgehen. Sich sozial verhalten. Kann man alles nachlesen in der Bergpredigt.

Und weil er damit so viele Menschenmassen bewegt hat, war das den Herrschenden nicht geheuer.

Wie das ausgeht, wissen wir ja.

Da ist Jesus in diesem Garten. Allein mit seiner Angst vor dem, was kommt. Und es heißt in der Bibel, dass auch sein Grab in einem Garten ist.

Aber wir wissen auch, dass das nicht das Ende der Geschichte ist.

Wie ein Samenkorn, das in die Erde gelegt wird, das dort kaputt geht und aus dem neues Leben wächst, ist Jesus aus dem Grab in diesem Garten gekommen. In ein neues Leben.

Das hat die Angst nicht kaputt machen können: Das Leben. Bei Jesus hat sie nicht verhindert, dass aus der Angst, Dinge nicht zu tun, ein neuer Anfang entsteht. Weil Jesus auf Gott vertraut hat, in dessen Dienst er gehandelt hat.

Und Gott hat da auch seine Hände im Spiel. Gott hat diesen Teufelskreis aus Angst und Leid zerschlagen. Und damit hat sich eben nicht das durchgesetzt, was Menschen im Leben Angst macht. Sondern das Gute hat sich durchgesetzt. Und das Leben.

Es gibt etwas, das Angst vertreiben kann. Und das ist die Hoffnung. Die Hoffnung, dass das Gute kommen wird. Dass das Gute am Ende siegt.

Das Samenkorn für diese Hoffnung halten wir in der Hand. An Ostern darf es aufblühen.

Und diese Hoffnung darf uns immer begleiten, wenn wir Angst haben. Jesus kennt die Angst. Und er hat sie überwunden. Wir sind darin nicht allein.

Am Schluss der anfangs zitierten Liedstrophe heißt es

Du hast die Angst auf dich genommen, du hast erlebt, wie schwer das ist. Wenn über uns die Ängste kommen, dann sei uns nah, Herr Jesus Christ!

*EG 95 „Seht hin, er ist allein im Garten