Die Ekklesiologie der neuen Kirche – Ein Anfang

Im Jahr 2060 wird die Apokalypse eintreten. So sagt es die Prophezeiung. Kein Geld, kein Personal, keine Relevanz. Das sind die Zukunftsaussichten der Kirche.

Laut Berechnungen wird allein die Nordkirche bereits im Jahr 2030 600 Pastor*innenstellen weniger als eigentlich benötigt besetzen können. Die große Zahl der kirchensteuerzahlenden Babyboomer wird im Ruhestand sein, und nicht nur die demografische Entwicklung wird mit einem erheblichen Mitgliederschwund ordentlich ins Kontor hauen. 2060 wird nur noch die Hälfte der Mitglieder in der Kirche sein. Und das bei gleichbleibenden Anforderungen an geistliche und diakonische Betreuung durch die Kirche.

Was jetzt?

Eine kürzlich von der Uni Freiburg unternommene Studie besagt, dass diese dramatische Entwicklung veränderbar ist. Nämlich dann, wenn es der Kirche gelingt, die Menschen für sich zu gewinnen, die jetzt bereits mit dem Austritt liebäugeln. Leute, die im Alter von 25 bis 40 Jahren sind, erwarten von der Kirche nichts mehr. Denen ist Kirche einfach egal.

Die gute Nachricht ist: Wir können etwas tun. Die Frage ist: Was?

Ich glaube, dass der allererste Schritt vor allem Hingucken sein muss. Und zwar ungeschönt und ohne Schminke. Die protestantische Freiheit und Vielfalt erlaubt eine große Bandbreite an Meinungen und Sichtweisen. Subjektivität ist gerade bei diesem Thema auch etwas, das Überleben sichern kann. Entgegen düsterer Prophezeiungen und Szenarien des Niedergangs. Weil Subjektivität Identifikation ermöglicht. Und die brauchen wir mehr denn je zum Überleben.

Im Bewusstsein, dass das, was ich hier schreibe, sowohl manchen Bauchschmerzen verursachen wird als auch, dass das nicht die absolute Wahrheit sein kann, hier also meine bescheidene subjektive Meinung:

Ich glaube, dass wir ohne rosarote Brille auf Gottesdienste, kirchliches Personal und Kirche im digitalen Raum gucken müssen.

1. Gottesdienste

Die ungeschminkte Wahrheit ist, dass die meisten Gottesdienste der evangelischen Kirche schlecht sind. Und zwar so richtig schlecht. Ich weiß, dass es Ausnahmen gibt, ich weiß, dass auch ich selbst mit Gottesdiensten manchmal daneben haue. Aber es ist einfach die Wahrheit. Ich möchte niemandes Gefühle verletzen, am allerwenigsten die der Menschen, die regelmäßig sonntags in die Kirche gehen und sich mit ihrer Gemeinde identifizieren. Und ich möchte auch ausdrücklich erwähnen, dass es wirklich gute und sinnstiftende Gottesdienste gibt. Aber um dies auch anderen Menschen nahe zu bringen, braucht es ein ehrliches Hingucken auf Qualität und kritisches Feedback, das vor allem auf die Empfindungen der Menschen Rücksicht nimmt, die wir gewinnen wollen.

Mir ist bewusst, dass nur drei Prozent der Kirchenmitglieder überhaupt in den Gottesdienst geht. Aber wir müssen auch nicht unbedingt dafür sorgen, dass diejenigen, die sich mal durch Zufall aufgrund einer Taufe oder der Abkündigung eines Verstorbenen in die Kirche verirren, mit Gottesdiensten konfrontiert werden, die einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ich selbst bin vor einiger Zeit einmal woanders in einem Gottesdienst als Besucherin gewesen und habe mir danach folgende Fragen als Leitfragen für mich hinters Ohr geschrieben:

1. Begrüßung

Wie werden die Menschen am Eingang der Kirche begrüßt? Steht da überhaupt jemand? Wenn ja: Gibt es Augenkontakt und ein freundliches „Guten Morgen“? Wird vielleicht auch etwas Nettes zu dem Menschen gesagt, der da durch die Tür kommt, das zeigt: „Ich sehe dich“?

2. Sprache

Wie wird in dem Gottesdienst gesprochen? Geht es da darum, die Menschen, die da sitzen, anzusprechen? Wird geleiert? Salbungsvoll ins Mikro geflüstert? Huldvoll die barmherzige Gnade des dreieinigen Gottes in seiner Heiligkeit durch Jesum Christum voll der Inbrunst gepriesen? Sind Gebete dazu da, mit Gott zu sprechen oder sich selbst sprechen zu hören? Geht es in der Predigt um den Dialog mit der Gemeinde oder darum, dass die predigende Person sich an sich selbst ergötzt? Wird überhaupt wahrgenommen, wer da in der Gottesdienstgemeinde sitzt?

3. Predigt

Was will ich den Leuten in der Predigt sagen, damit sie was damit anfangen können?

4. Musik

Passt jede Musik zu jeder Gruppe von Menschen? Finden alle J. S. Bach wirklich gut? Ist Sakropop die Lösung all unserer Probleme? Und verjagen wir die Leute vielleicht auch mit Mitsing-Zwang von Liedern, die kein Mensch kennt?

Meine Thesen sind folgende:

Ich glaube, dass es falsch ist, dass Menschen heutzutage keinen Gottesdienst brauchen, dass seine Form obsolet ist, und dass wir uns das sparen können.

Gerade, wenn Gemeinden sich zu immer größeren Einheiten zusammentun müssen, wird es für die Menschen immer wichtiger werden, Gemeinschaft zu erleben. Und zwar auch lokal. Der Gottesdienst hat nicht nur die geistliche Komponente. Ich glaube, dass viele unserer Stamm-Gottesdienstbesucher*innen auch deshalb so hart im Nehmen sind, was da auch an Schlechtem im Gottesdienst geboten wird, weil es unter anderem auch darum geht, zu spüren: Ich bin nicht allein. Da sind Menschen um mich, mit denen habe ich was gemeinsam. Und ich kann mich mit denen davor und danach austauschen.

Gerade weil dieses Phänomen eins unserer Pfunde ist, das wir vermehren können, bin ich davon überzeugt, dass wir die Qualität der Gottesdienste verbessern müssen. Und diese Qualität muss messbar sein.

Darüber hinaus müssen wir mehr Anlässe schaffen, Gottesdienste zu feiern und dazu auch immer wieder aus unseren Kirchengebäuden rausgehen. Wenn Menschen einen Grund haben, Gottesdienst zu feiern, dann machen sie das meiner Erfahrung nach auch. Unsere Paul-Gerhardt-Kirche wird regelmäßig überrannt: Schulanfänger- und Schulgottesdienst, Begrüßung der neuen Kitakinder, Segnungen aller Art: Wenn es Anlässe gibt, dann kommen die Menschen.

Es gibt ein großes menschliches Bedürfnis nach Sinn und spiritueller Begleitung, und zwar mitten in der Lebenswelt. Deswegen ist es wichtig, auch zu Anlässen außer Haus kleine Gottesdienste zu feiern: Einweihungen, Eröffnungen von Festen im Ort, Advents- und Weihnachtsgottesdienste und andere Andachten bei der Feuerwehr, für Personal von Altenheimen, von Bestattungsinstituten … Die Möglichkeiten sind groß. Das erfordert aber auch eine große Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit des kirchlichen Personals.

2. Kirchliches Personal

Qualität hängt unter anderem auch an der Auswahl des kirchlichen Personals und dessen Ausbildung zusammen.

Auch hier bin ich vor einiger Zeit auf ein paar Fragen gestoßen, von denen ich glaube, dass sie relevant sind für die Kirche der Zukunft:

1. Headhunting

Woher wird kirchliches Personal eigentlich rekrutiert? Was sind das für Menschen, die den Weg in die kirchlichen Ausbildungsgänge finden? Gibt es Leute neben denen, die schon jahrelang eine kirchliche Sozialisation durchlaufen haben und die aufgrund von kirchlicher Jugendarbeit oder anderer ehrenamtlicher Tätigkeit Ausdrucksformen von Gemeinschaft, Kirchlichkeit und Spiritualität immer wieder reproduzieren, weil es in der Denkwelt und den ästhetischen Empfinden so verankert ist? Gibt es überhaupt jüngere Kirchenmitglieder, die ohne die kirchlichen Kodizes von vornherein inhaliert zu haben, in kirchliche Berufe gehen?

Die Nordkirche hat mittlerweile fähige Pastores dafür eingesetzt, Nachwuchs zu werben. Auch auf Messen, in Schulen und an anderen außerkirchlichen Orten, wo junge Leute sind. Ich glaube, dass das der richtige Weg ist.

2. Diversität

Wie weit wird eigentlich Authentizität beim kirchlichen Nachwuchs gestattet? Wie weit gibt es Verhaltens- und Sprachmuster, die wie eine Schablone angelegt werden? Wie wird dazu ermutigt, sich Diversität zuzugestehen und zu leben?

Es gibt Studien aus nichtkirchlichen Bereichen, die belegen, dass Arbeitsergebnisse umso fruchtbarer werden, je mehr Diversität es bei den Menschen gibt, die an einem Projekt arbeiten. Demnach müsste Diversität in der Kirche noch mehr gefördert werden.

Die bisherige Praxis von Auswahlverfahren für den Pfarrberuf hat meiner Meinung nach für eine Verengung auf ganz unterschiedlicher Ebene in Bezug auf Vielfalt und Kreativität gesorgt. Das muss sich ändern.

3. Pastoraler Tonfall

So viel das schon gesagt worden ist. Es muss nochmal gesagt werden: In der Ausbildung muss auf die Sprechweise in und außerhalb von kirchlichen und spirituellen Räumen geachtet werden. Pastoraler Tonfall ist out.

4. Pastores sind Geistliche

Das Einzige, wo wir außer Konkurrenz von irgendwas im ganzen Spektrum der Spiritualität und auch der Vereinskultur laufen, ist, dass es in der Kirche ordinierte Geistliche gibt.

Geistliche haben die Beauftragung für die Entfaltung des Rituals. In schwierigen Lebenssituationen und auch Notfällen haben sie die Befähigung zum Gebet, zum Segnen und zur Sprachfähigkeit in der Ohnmacht mit Hilfe des Wortes Gottes.

Das ist ein weiteres Pfund, mit dem wir in Zukunft wuchern sollten, und der theologische Nachwuchs sollte vor allem darauf spezialisiert werden.

5. Seelsorger*innen und ander Mitarbeiter*innen müssen freundlich sein

Ich habe lange überlegt, wie direkt oder verklausuliert ich es anspreche. Aber es hilft ja nichts. Was nicht gesagt wird, wird auch nicht verstanden.

Vorweg möchte ich jedoch betonen: Es gibt eine Unzahl an fähigen, integeren und warmherzigen Kolleg*innen, die ihren Beruf als Dienst verstehen und die mit einer unglaublichen Menschenfreundlichkeit und Professionalität ihre Rolle ausüben. Darüber hinaus sind es vor allem die freundlichen und kompetenten Sekretär*innen, Hausmeister*innen, Küster*innen und alle anderen bei Kirche Arbeitenden, die in erster Linie positive Zugänge zu Kirche und Gemeinde schaffen.

Nur das, was Kirche immer wieder auf die Füße fällt, unter anderen auch bei den anstehenden Regionalisierungen, ist das kirchliche Personal, das nicht so ist. Zum einen verursacht es einen erheblichen Image-Schaden. Und zum anderen gestalten sich Teambildungsprozesse im Rahmen von Regionalisierungen damit schwierig.

Folgende Fragen beschäftigen mich in diesem Zusammenhang vor allem in Bezug auf das Pfarramt:

Haben kirchliche Auswahlverfahren oder gar deren Fehlen in der Vergangenheit eher dafür gesorgt, Menschen mit starken Verdrängungsstrukturen, Profilierungstalent und Durchsetzungsvermögen ins Amt zu holen, als Menschen, die über gute Introspektion, soziale Kompetenz, Positivität, Mut zur Schwäche und Resilienz verfügen?

Ich will hier nicht das Eine gegen das Andere ausspielen. Und ich möchte auf keinen Fall sagen, dass wir nur „perfekte“ Menschen ohne Ecken, Kanten und Macken in den Dienst nehmen dürfen. Was ich aber wichtig in Bezug auf die kommenden Herausforderungen finde, ist, dass kirchliches Personal freundlich, ansprechbar und zugewandt ist, und dass es in der Lage ist, sich in die alltäglichen Probleme von Menschen hineinzudenken.

3. Kirche im digitalen Raum

Und jetzt zu dem, was das A und O im Change Management sein wird: Die Ergänzung der Ortskirche durch die Verkündigung, Spiritualität und Gemeinschaft im digitalen Raum.

Der Gedanke der Ortskirche ist für die Menschen, die da einfach nicht hingehen, nicht so wichtig. Für Menschen, die nicht zum gröberen Inner Circle von Gemeinde gehören, ist Kirche eine Gesamtgröße. Viele unterscheiden noch nicht einmal zwischen evangelisch und katholisch. Geschweige denn Landes- oder Ortskirchen.

So viel Potenzial an Gleichgültigkeit und Irrelevanz da drinsteckt, so viel Potenzial steckt darin, als Corpus Christi im Gesamten aufzutreten. Die Möglichkeit dafür steckt im Internet.

Im digitalen Raum können Pastores, kirchliche Hauptamtliche und andere Kirchenleute Kirche und Evangelium ganz neu in die Welt bringen.

Die #digitaleKirche in den sozialen Medien bietet Möglichkeiten zur Vernetzung und Beziehungspflege, weit über die Parochialgrenzen hinaus. Das wird bei mangelnder pastoraler Betreuung der Ortsgemeinden möglicherweise immer wichtiger werden, dass Gläubige online Zugang zu sozialem Austausch, Spiritualität und Seelsorge haben.

An Gottesdiensten, Predigten und anderen Formen von Gebet und Verkündigung können Menschen auch von Zuhause aus partizipieren. Das ermöglicht sowohl einen niedrigschwelligen Zugang für Menschen, die sich nicht trauen würden, durch eine Kirchentür zu gehen, als auch Partizipation für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Ein Zukunftsmodell ist möglicherweise auch, in einem Kirchengebäude mit anderen gemeinsam an Online-Gottesdiensten teilzunehmen, wenn keine geistliche Person vor Ort sein kann. Wohlgemerkt: Das kann kein Ersatz für Gottesdienste mit Geistlichen sein und auch kein Regelfall. Aber es kann geistliches Leben aufrechterhalten und Gemeinschaft fördern.

Einen riesigen Pool von Möglichkeiten eröffnet der digitale Raum aber genau für die Menschen, die keinen Zugang zur Kirche hatten und haben.

Hier braucht es vor allem Schulungen für Haupt- und Ehrenamtliche, wie Kirche im Netz auftauchen kann.

Es braucht aber auch das Aufstechen der Kirchenblase, indem Kirchenleute sich nicht nur in ihren eigenen Foren tummeln, sondern sich mit ihren Themen in aktuelle Diskurse einbringen und sich profiliert mit Menschen im ganz normalen Alltag austauschen, die keine Churchies sind.

Ekklesiologisch wäre es so: Das, was Kirche auf der Grundlage des biblischen Zeugnisses im Kern ausmacht, ist Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebet (Apg 2). Das geht nur mit echten Menschen in echten Räumen mit wirklichen Begegnungen. Ermöglicht und ergänzt werden kann dies in Zukunft durch die Präsenz im digitalen Raum. Der Leib Christi ist größer als die eigene Gemeindegrenze, aber sichtbar und spürbar wird er vor Ort.

Theologisches Nachwort

Die Verkündigung im World Wide Web ist nichts anderes als die Entsprechung dessen, was Jesus seiner Kirche selbst als Auftrag gegeben hat: Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker. (Mt 28).

Der Apostel Paulus ist noch zu Fuß überall hingegangen, wo die Leute waren, bis hin zum heidnischen Areopag in Athen. Wir müssen nicht weit dafür laufen, wir können das im Netz machen. Nichts machen, können wir nicht.

Jesus hat mal ein Beispiel dafür erzählt, wie wir es in der Kirche machen sollen: Wir alle haben ein Pfund von ihm anvertraut bekommen, das wir vermehren sollen. Wenn wir es einfach im Boden vergraben würden, und alles so lassen würden, wie es ist, wäre das Besitzstandswahrung. Das findet Gott nicht so gut, wie wir aus der Bibel wissen.

Wenn wir unser Pfund aber einsetzen, damit in die Welt gehen und damit wuchern, was wir haben, dann erfüllen wir unsere Aufgabe als Verwalter*innen all des Wertes, das die Kirche Jesu Christi den Menschen zu geben hat.