Re:publica 2019 – Was ist der Mensch?

Was der Kirche ihr Kirchentag ist der Netzgemeinde ihre re:publica. Aber sonst haben diese beiden Veranstaltungen eigentlich wenig gemeinsam. Oder doch?

In diesem Jahr waren es nicht nur das Netzgemeindefest und die Charakterköpfe der #digitalenKirche, die zu einem großen Teil auf der Digitalkonferenz in Berlin vertreten waren, warum ich auf die Idee kam, doch auch mal mit der Churchie-Brille durch die Sessions zu gehen und mal zu gucken, ob ich da auch was für das Kirchenmutterschiff mit nach Hause nehmen kann.

Und ja. Da war einiges dabei.

Im Nachgang beschäftigt mich vor allem die Frage: Was macht eigentlich (noch) das Mensch-Sein aus? Sind es die Masse und der Wert der Daten eines Menschen? Ist es sein Verhalten auf und über Social Media? Oder sind es die humanoiden Attribute, die durch künstliche Intelligenz kopiert werden?

Wer ist der Mensch in der Schnittstelle von Datenakkumulation, Artificial Intelligence und Technik?

Wenn sich bei mir eins nach dieser re:publica noch einmal so richtig eingebrannt hat, dann, dass es eine Währung gibt, mit der so gut wie alles in dieser Welt bemessen und bezahlt wird: Die Daten von Menschen.

Internetriesen wie Facebook, Amazon, Netflix und Co. können mittlerweile alles auch nur ansatzweise Denkbare in Daten erfassen und interpretieren: Persönliche Interessen, Kontakte, Freizeitverhalten, psychische und physische Verfassung plus der Dinge, an die wir jetzt noch nicht mal im Traum denken. In der Konsequenz bedeutet das, dass Datenschutz Menschenschutz ist. So sagt es die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Oxford Sandra Wachter in der Session „Ethics for Billions: Lassen sich ethische Grundsätze mit Technologien skalieren“.

Wir wissen heute noch nicht einmal, welche Daten wir schützen müssen, weil so gut wie alles relevant sein könnte für Lebensentscheidendes wie die Gewährung von Krankenversicherungen, die Vergabe von Hochschulplätzen oder den Verlust des Arbeitsplatzes. All das wird schon heute über Algorithmen entschieden. Deswegen setzt sich Sandra Wachter nicht nur für das gesetzlich bereits verankerte Recht auf Vergessenwerden im Netz ein, sondern auch für das Richtig-Gesehen-Werden. Das erfordert Transparenz in der Datenerfassung. Und es erfordert auch die Definition, was denn in dem Zusammenhang eigentlich „richtig“ heißt.

Wer hat die Deutungshoheit über die menschliche Existenz? Wenn der Mensch, so unperfekt wie er ist, eine gute Schöpfung ist, wie es die Bibel sagt, dann dürften andere Faktoren bei der Sicht auf menschliches Leben eine Rolle spielen, als Algorithmen.

Und angesichts protestantischer Rechtfertigungstheologie stellt sich damit für mich auch die Frage nach Fehlerfreundlichkeit und menschlichem ( = gnädigem) Augenmaß bei der Beurteilung von Leistung – die möglicherweise auch noch über Anspruch auf ärztliche Behandlung oder Karriere entscheidet.

Martin Luther hat einmal sehr deutlich vertreten, dass kein Mensch einen freien Willen haben kann, weil er dann nicht mehr auf die Gnade Gottes angewiesen ist. Heißt: Der Wert eines Menschen kann sich nicht aus dem speisen, was er in der Lage ist, zu tun.

Mit der Einschränkung des menschlichen Willens hat Luther aber sicher nicht die Konditionierung gemeint, die über den Gebrauch des Smartphones mehr und mehr im Begriff ist, sich in menschliches Verhalten einzuschleichen.

Eben Moglen hat in seiner Session „Why Freedom of Thought Requires Attention“ ob der ständigen Präsenz des Smartphones ein sehr klares Produkt von Social Media und Online-Leben benannt: Behavior.  

Messenger, Notifications, Werbung … All das konditioniert menschliches Verhalten: Ständiger Blick auf das Display, Wischen, Scrollen, ständige Unterbrechung der Aufmerksamkeit, ständige Anreize, zu reagieren.

Behavior. Das ist das Nebenprodukt, des Anreizes, zu konsumieren. Und Daten sind die Währung.

Die Freiheit von Gedanken und Willen ist dementsprechend zumindest stark gesteuert.

Martin Luther hat in seiner Schrift vom unfreien Willen dargestellt, dass die Freiheit menschlichen Handelns eine Sache des Bezugspunktes ist. In Bezug auf Gott hat der Mensch keinen freien Willen. Da ist es nicht möglich, durch Social Scores einen Gewinn zu erzielen. Es zählt allein die Gewährung der bedingungslosen Gnade, ohne Gegenleistung. Aber in Bezug auf die Welt ist der Mensch in seinem Willen frei.

Damit bekommt der evangelische Freiheitsbegriff eine ganz neue Dimension, wenn es um die bewusste Steuerung des eigenen Verhaltens im Blick auf die Online-Nutzung geht.

Weiterhin stellt sich für mich die Frage, wenn Menschen einander nicht mehr in die Augen sehen, sondern auf das Smartphone, was das eigentlich für die menschliche Wesensverfassung bedeutet, auf ein Gegenüber angewiesen zu sein.

Schon in der Bibel steht: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Was dieser Satz bedeutet, ist im Laufe der Menschheitsgeschichte in Philosophie, Psychologie, Medizin und Religion immer wieder reflektiert worden.

Und dass für einen Menschen ein anderer Mensch als Gegenüber existenziell wichtig ist, habe ich unter anderem auch aus der Session „The Artificial Lover: Our Intimate Future with Machines“ von Kate Devlin mitgenommen. Hier wurden Sex Robots sowie andere humanoide Hilfs-Roboter mit menschlichen Attributen wie Stimme, Gesicht und der Fähigkeit, zu reagieren ausgestattet vorgestellt.

Künstliche Intelligenz kopiert Menschlichkeit. Was braucht es also, um wirklich menschlich zu sein?

Der Recruitingexperte Henrik Zaborowski hat dies in seiner Session „Für die Zukunft der Arbeit müssen wir den Menschen neu entdecken“ deutlich benannt: Der Mensch hat Bedürfnisse und damit den inneren Antrieb, selbständig zu handeln, und Dinge besser zu machen. Das können Maschinen nicht. Als Unterstützung dient in der Session u.a. ein Bibelzitat, in dem das hebräische Wort „Näfesch“ als ein menschliches Attribut vorkommt. Hier wird dies mit „Bedürfnis“ übersetzt. Aber es bedeutet auch „Leben“. Und „Seele“.

Der Mensch hat eine Seele, die ihn menschlich macht. Was die Seele letztendlich ist, ist unverfügbar. Deswegen kann künstliche Intelligenz sie auch nicht kopieren. Das, was man über die Seele sagen kann, ist aber zumindest, dass sie dem Menschen erlaubt, Fehler zu machen, dass sie verzeihen kann, dass sie auf der Suche ist, Bedürfnisse zu erfüllen und deswegen selbständig korrigiert, verändert und sich entwickelt.

Dass es ein großes Bedürfnis auch im Netz nach Menschlichkeit gibt, habe ich unter anderem auch in der auf Interaktion angelegten Session von Jens Scholz und Nadia S. Zaboura gelernt: „Vom Tod in der Netzfamilie: Erinnern möglich machen“.

Wenn Menschen sterben, dann haben diejenigen, die zurückbleiben das Bedürfnis, zu trauern und sich zu erinnern. Auch Mitgestalter*innen der re:publica sind mittlerweile schon verstorben, sodass das Thema der Bewältigung von Tod und Trauer auch Eingang in eine Digitalkonferenz gefunden hat.

Der Wunsch, die Trauer zu teilen, in Ritualen zu äußern und dabei auch immer wieder neue Formen analog wie digital zu finden, ist etwas zutiefst Menschliches. Auch diese Form von Menschlichkeit kann sich im Digitalen finden.

Die Fähigkeit, zu trauern ist menschlich. Und auch die Fähigkeit, zu lieben. Auch die Liebe wird im Netz gebraucht. Sie ist Ausdruck von Menschlichkeit in Kommentaren, in denen andere durch Hate Speech angegriffen werden. Die Institution #ichbinhier, die in diesem Jahr auf der re:publica mehrfach eine Rolle gespielt hat, hat hier in ihrem Namen in sehr sinnfälliger Weise eine Parallele in der Selbstvorstellung Gottes, der sich selbst genau diesen Namen gibt: „Ich bin hier“.

Mein Fazit aus all dem, was ich von der re:publica, auch an Fragen, mitgebracht habe, ist, dass es Menschlichkeit braucht. Vor allem in Prozessen, die Gefahren bergen, zu entmenschlichen. In denen es um Menschen als Datenproduzierende und um künstlich zu ersetzende Existenzen und Kräfte geht.

Was macht den Menschen aus? Das könnte vielleicht auch eine der Fragen der nächsten re:publica sein.