Seelsorge in der digitalen Kirche

Ich bin ganz normale Gemeindepastorin. Und auch Pastorin im Internet. Im Rahmen der #digitalenKirche ist mittlerweile eine große Anzahl von Kirchenleuten unterwegs. Das bedeutet, dass vor allem in den sozialen Medien Pastor*innen, Diakon*innen, Kirchenmusiker*innen und ganz „normale“ mehr oder weniger glaubende Menschen anzutreffen sind.

Und so, wie das in einer echten Gemeinde auch ist, findet sich alles zwischenmenschlich Mögliche auch online in der Begegnung mit den Menschen. Natürlich auch seelsorgerliche Themen.

Auch die Kirche kann sich dem gesellschaftlichen Kulturwandel einer digitalisierten Welt nicht entziehen. Während im Rahmen von Mitgliederschwund und Pastor*innenmangel im Moment noch überlegt wird, wie Kirche für Menschen so da sein kann, dass sie für Menschen in ihrem Leben vorkommt, findet im Netz bereits statt, worüber theoretisch viel Uneinigkeit besteht:

Es bilden sich Communities. Das heißt Gemeinschaften. Das heißt Gemeinden. Menschen sind auf der Suche nach Sinn, nach geistlicher Begleitung und nach der Solidarität von anderen Menschen – nicht nur, aber auch in Krisenzeiten des Lebens.

Kirche möchte da sein, wo die Menschen sind. Und auch Seelsorger*innen müssen dort sein. Das ist unser Auftrag und unsere Profession.

Warum machen wir das?

Warum machen wir das als Seelsorger*innen eigentlich, was wir tun? Die Antwort ist verblüffend einfach: Wir haben ein Vorbild. Und das besteht darin, wie Gott mit Menschen umgeht. Das biblische Menschenbild liegt auch dem, was wir tun, zugrunde.

Gott selbst ist Seelsorger*in: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“,  steht in der Bibel (Jes 66,13). Gott selbst ist es damit, der für die Seele sorgt.

Seelsorge gilt immer dem ganzen Menschen, mit Körper, Geist und Seele. In der Schöpfungsgeschichte wird erzählt, dass Gott selbst dem Menschen „Näfesch“ in den Körper einhaucht. „Näfesch“ heißt „Leben“, es kann aber auch „Seele“ heißen. Dafür sorgt Gott selbst. (1. Mose 2)

Dass die Sorge für die Seele dem ganzen Menschen gilt, wird unter anderem auch in der Geschichte vom barmherzigen Samariter deutlich: Ein Mensch gerät in Not, ein anderer sorgt dafür, dass seine Wunden versorgt werden, und dass er Nahrung und Unterkunft hat. (Lk 10,25-37)

Neben der Erzählung vom barmherzigen Samariter wissen wir ebenfalls aus der Bibel, dass Gott sich Nächstenliebe von Menschen wünscht. Wie diese konkret aussehen kann, davon gibt Jesus selbst ein Bild. Am Ende der Zeit bemisst Christus auf dem Thron die Menschen danach, wie sie sich gegenüber anderen verhalten haben:

Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. (Mt 25,31-46)

Auf dieser Grundlage arbeiten wir auch, wenn wir in der Kirche Seelsorge betreiben. Es ist die Grundlage der Nächstenliebe.

Seelsorgeverständnis und –gesetz

Wie sieht das jetzt kirchenrechtlich aus? Das Seelsorgegesetz der Evangelischen Kirche in Deutschland besagt:

Seelsorge (…) ist aus dem christlichen Glauben motivierte und im Bewusstsein der Gegenwart Gottes vollzogene Zuwendung. Sie gilt dem einzelnen Menschen, der Rat, Beistand und Trost in Lebens- und Glaubensfragen in Anspruch nimmt, unabhängig von dessen Religions- bzw. Konfessionszugehörigkeit. Seelsorge ist für diejenigen, die sie in Anspruch nehmen, unentgeltlich. (§2,1)

(…) 

Jede Person, die sich in einem Seelsorgegespräch einer Seelsorgerin oder einem Seelsorger anvertraut, muss darauf vertrauen können, dass daraus ohne ihren Willen keine Inhalte Dritten bekannt werden. Das Beichtgeheimnis ist unverbrüchlich zu wahren. (§2,4)

Letzteres spielt eine große Rolle, wenn wir über Seelsorge im digitalen Raum reden.

Aus diesem Grund regelt das Gesetz zum Schutz des Seelsorgegeheimnisses der EKD, dass die Vertraulichkeit in höchstmöglichem Maß gewahrt werden muss, soweit Seelsorge mit technischen Kommunikationsmitteln ausgeübt wird (§ 11 und 12). Das bedeutet auch, dass die Anforderungen des kirchlichen Datenschutzes gewahrt werden müssen.

Mit Blick auf diese Bestimmungen hat die Nordkirche mittlerweile Social-Media-Guidelines verfasst und veröffentlicht. Wörtlich wird darin ans Herz gelegt:

„Keine Seelsorge und keine Beratung bei Krankheiten und Krisen in Social Media! Bieten Sie Alternativen an: die Telefonseelsorge, Service-Telefone in der EKD, Pastorinnen der Pastoren der Nordkirche. Kommunizieren Sie diese über eine „Persönliche Nachricht“ (PN) an die Person, die Rat sucht.“

(www.social-media-guidelines.nordkirche.de)

Aufgrund des Datenschutzgesetzes liegen meiner Meinung nach an bestimmten Stellen die Verknüpfungspunkte mit der Telefonseelsorge. Was auf Social-Media anfängt, könnte von der Telefonseelsorge weitergeführt werden.

Themen zwischen Tür und Angel

Wie in der Kirchengemeinde auch, sind in den Social-Media-Kanälen Seelsorge-Themen oft Themen zwischen Tür und Angel.

Dazu habe ich vier Bereiche exemplarisch rausgesucht und grob geclustert, um deutlich zu machen, welche Themen Menschen auch im Netz bewegen.

Arbeit, Existenz, Geld

Menschen erzählen in sozialen Medien von ihrem Alltag. Natürlich kommen da auch die Bauchschmerzen zutage: Extremer Leistungsdruck, Existenzängste, aber auch Ausgegrenztsein und Mobbingthemen spiegeln sich in Posts der Leute.

Menschen sind über Social Media im Gespräch darüber, was sie ärgert und womit sie nur schwer zurecht kommen. Das sind seelsorgerliche Situationen oder können es werden.

Was wäre da besser, zu wissen, dass es professionelle Seelsorger*innen gibt? Manche davon sind bereits klar erkennbar in den sozialen Medien präsent.

Queere Themen

Es gibt eine große Zahl von LGTBQ-Leuten, die z.B. auf Twitter zugegen sind. Manche haben hier bereits eine Vorbildfunktion für andere. Manche suchen noch ihre Identität und brauchen Austausch.

Als einen großen Vorteil des Internets empfinde ich an dieser Stelle, dass Menschen hier ihre Identität leben dürfen, die sie an anderer Stelle verleugnen (müssen). Auch hier wird von Verletzungen und Unsicherheiten erzählt. Auch hier brauchen Menschen Stärkung.

Was ich beobachte: Menschen tut es hier gut, Solidarität zu erfahren und auch zu merken, dass sie da Ansprechpartner*innen wie Pastor*innen oder andere Seelsorger*innen da sind und Gesicht zeigen.

Tod und Trauer

Ein großes Thema, auch im Netz: Tod und Trauer.

Es gibt ganze Accounts, die nur über das Thema twittern. „22 Monate“ twitterte zum Beispiel aus der Rückschau über das Leben des verlorenen Kindes.

Besonders bei diesem Thema gibt es ein großes Bedürfnis nach Austausch und Aussprechen-Dürfen.

Wer sich mit Trauerarbeit beschäftigt, weiß: Es gibt ein gewisses Maß an Trauer, das in unserer Kultur erlaubt ist. Mit allem, was darüber hinausgeht, sind Menschen oft allein gelassen.

Also auch hier: Seelsorge ist gefragt.

Einsamkeit

Das Thema Einsamkeit begegnet auf Social Media immer wieder in den verschiedensten Formen.

Manchmal wird es offen ausgesprochen. Oder aber es wird sichtbar am Postingverhalten der Menschen.

Auch da ist Präsenz wichtig, Ansprechbarkeit und Austausch.

Seelsorge in der digitalen Kirche und der Platz der Telefonseelsorge darin

Unter dem Hashtag #digitaleKirche sammelt sich seit ca. drei Jahren eine Gemeinschaft von Kirchenleuten, die mit Kirchenthemen im Netz sind. Das sind Kirchenmitarbeiter*innen und auch ganz normale Gemeindemitglieder, die auch im Internet sowas wie Gemeinde leben.

Natürlich erreicht das auch immer wieder Menschen, die nicht zum Inner Circle von Kirche gehören oder überhaupt nichts mit Kirche zu tun haben.

Aber es sind vor allem die Accounts wie die von Josephine Teske, Jörg Nieser und Theresa Brückner, die mit dem, was sie in den sozialen Medien von sich selbst und ihrem Umgang mit den Herausforderungen des Lebens erzählen, für einen großen Vertrauensaufbau bei Menschen sorgen, die dringend andere brauchen, denen sie in Krisensituationen vertrauen können.

Instagram, Twitter, Youtube, Blogs und die Internetplattform Tellonym sind dabei die Medien, über die Beziehung aufgebaut und z.T. auch Begleitung geboten wird.

Hier wird von Pastor*innen aller Landeskirchen bereits unglaublich viel geleistet, was als Brückenschlag in geschützte seelsorgerliche Räume dienen kann.

Immer mit Blick auf das Datenschutzgesetz und das Seelsorgegesetz ist eine Vernetzung der digitalen Kirche mit der Telefonseelsorge sinnvoll und sollte meiner Meinung nach noch ausgebaut werden.

Seelsorge als Institution

Jetzt kommen wir zu der Frage: Wo könnte denn die Telefonseelsorge in diesem ganzen Konzert der #digitalenKirche“ eine Rolle einnehmen?

Neben dem Beziehungs- und Vertrauensaufbau über einzelne Personen und persönliche Accounts gibt es auch Möglichkeiten als Institution auf Social Media wirksam zu sein.

Ein Best-Practice-Beispiel ist hier das Amt für Öffentlichkeitsdienst in der Nordkirche  und dessen Präsenz in den sozialen Medien (Twitter, Facebook, Instagram, Youtube).

Am Beispiel des AfÖ wird deutlich, wie auch auf institutionelle Ebene Beziehungen geschaffen werden können:

Auf Twitter beginnt auf @nordkirche_de der Tag immer mit einer persönlichen Ansprache und einem Guten-Morgen-Gruß.

Es sind drei Personen, die jeweils eine Woche lang twittern: Doreen Gliemann, Lena Modrow und Oliver Quellmalz. Alle drei sind auch mit persönlichen Accounts auf Social Media vertreten. Es ist immer kommuniziert, wer da gerade den Twitteraccount bedient.

Die handelnden Personen des AfÖ sind mit dem Nordkirchenaccount vernetzt, untereinander und mit den Personen im Feld der #digitalenKirche.

In meinen Augen ist die Social-Media-Tätigkeit der Nordkirche ein gutes Beispiel dafür, wie einzelne Mitarbeitende durch ein geschicktes „Sich-die-Bälle-Zuspielen“ Menschen auf eine Institution hinweisen können.

Durch Retweets der Posts vom Nordkirchenaccount mit Charme und Witz auf dem eigenen Profil, Einblicke in den Büroalltag und durch das Erzählen aus dem eigenen Alltag mit Themenbezug zum eigenen Job verknüpfen die Mitarbeiter*innen die Institution mit ihren Gesichtern und bauen damit Sympathie und Vertrauen auf.

Fazit

Wir befinden uns in der Kirche mit allen ihren Arbeitsbereichen noch sehr am Anfang dessen, was möglich ist. Ich glaube, dass alles noch ausgebaut werden kann und sollte.

Das Leben von Menschen findet in den sozialen Medien bereits statt. Auch Kirche, Seelsorge und Begleitung wird hier gebraucht.

Kirche will da sein, wo die Menschen mit ihren Themen sind. In den sozialen Medien haben wir die Chance dazu.