Meine Reise nach England – Six days of powerful Adventures

„Kennst du „Die Tribute von Panem?“ fragt mich meine Kollegin bei meinem ersten Besuch in Durham Diocese.

„Ja, wieso?“

Sie zeigt aus dem Fenster auf die Ortschaft, durch die wir gerade fahren.

„Das hier ist District 12.“

Die Reise der machtvollen Zeichen

Drei Jahre später bin ich wieder dort. Im armen, strukturschwachen Norden Englands, referendumgebeutelt, labourgeprägt und mit der Geschichte von harter Arbeit in seinen unzähligen Kohleminen im stolzen Herzen.

Ich möchte davon erzählen, wie es war, als ich im November 2019 zum zweiten Mal mit einer Delegation von Pastor*innen aus der Nordkirche zu unserer Partnerkirche nach England reiste.

„Ich kenne Gott nicht, aber ich kenne dich.“

Ich möchte davon erzählen wie mein Kollege Andrew neun englische und acht deutsche Kolleg*innen in Sunderland Minster zu einer Consultation mit dem Thema „Junge Familien“ begrüßte: „Bitte passt auf, wenn Ihr rausgeht. Wir haben heute zehn benutzte Spritzen auf dem Gelände gefunden.“

Gelb und Rot waren in den Vorträgen die Farben der Gemeindebezirke von Durham Dicoese. Gelb steht für ein Leben mit Nahrungsmitteln zusätzlich zur Schulspeisung. Für Kleidung zusätzlich zur Schuluniform. Für Schuhe zum Anziehen. Für Spielzeug zum Spielen. Rot steht für all das nicht. Das Leben vieler Menschen dort ist rot. Die Fenster der Pastorate sind vergittert, die Kriminalitätsrate ist hoch.

Und doch habe ich die englischen Pastor*innen in stiller Bescheidenheit den Collarkragen auf der Straße tragen sehen. Ein sichtbares Zeichen gegen all die Hoffnungslosigkeit in dieser trostlosen Welt.

Die Demut in der Unbeirrbarkeit des Dienstes meiner Kolleg*innen hat mich gelehrt. Sehr viel.

Nie wieder werde ich den Satz der Diakonin aus Chester-le-Street vergessen: „Die Menschen, mit denen ich arbeite, sagen mir manchmal: ‚Ich kenne Gott nicht. Aber ich kenne dich‘.“

Bischof Paul hat seinen Pastor*innen drei Punkte gegeben, die sie in ihrem Gemeindekonzept berücksichtigen müssen: Junge Familien, Armut und Kirchenwachstum.

Die Kirche wächst in Durham Diocese nicht viel durch die Familien, die regelmäßig zu den Bibelerlebnistagen kommen. Aber die Kirche sorgt so dafür, dass die Menschen in der Nachbarschaft dabei etwas zu Essen bekommen. Dass sie überhaupt etwas zu Essen haben, wenn die Schule Ferien hat.

Jeder Mensch kann der bestmögliche sein

Ich möchte noch von meiner Kollegin Kate und ihrem Mann Matt erzählen. Bei ihnen durfte ich während der Tage in ihrer Gemeinde in Heworth wohnen.

Da ist Kate, wie sie jeden Morgen um 7.00 Uhr in ihrer Kirche das Morgengebet spricht. Wie sie mit unermüdlicher Herzlichkeit für die ihre Gemeinde da ist und ihr Bestmögliches für die Menschen dort tut. Und Matt, der Schauspieler ist, Hörbücher liest und zugleich als Pfarrmann für die Krabbelgruppen und das Essen bei Gemeindetreffen sorgt.

Wenn es menschgewordenes Evangelium gibt, dann in diesem Pfarrhaus in der Nähe von Newcastle.

Ich möchte davon erzählen, wie wir zu Dritt in ein kleines Theater in die Stadt fuhren. Matts Kollege brachte dort ein Ein-Mann-Stück. Es heißt „The best in the World“.

„Could be weird“, sagte Matt.

Eine Dartscheibe und ein Beamer auf der Bühne. Der Schauspieler lässt uns während des Stücks einen Dartpfeil aus Papier falten. Wir hören Geschichten von erfolgreichen Dartspielern und Spitzensportler*innen. Wir hören von dem Moment, in dem jeder Mensch der bestmögliche Mensch sein kann.

Die Beste in der Welt wird man manchmal, wenn man genau im richtigen Moment den Dartpfeil loslässt.

Der Schauspieler lässt uns unseren Moment, in dem wir der bestmögliche Mensch waren, auf unseren Papierpfeil schreiben.

Jeden einzelnen liest er vor: „Als ich mich entschied, ans Telefon zu gehen.“ „Als ich im Sommer jeden Tag mit der alten Frau an der Bushaltestelle sprach.“ „Als ich eingriff, als jemand geschlagen wurde.“

Ich möchte davon erzählen, dass ich als einzige Person im Raum meinen Pfeil nicht beschrieben habe. Wie Kate und ich darüber sprachen, dass wir beide bei vielem, was wir getan haben, nicht wissen, ob wir es selbst waren.

Die Momente, in denen ich der bestmögliche Mensch war, waren ausschließlich Momente meines Dienstes.

Der Papierpfeil liegt noch immer auf meiner Fensterbank. Er wartet darauf, beschrieben zu werden.

Der bittere Geschmack des Brexit

Ich möchte von Kates Freunden erzählen, mit denen wir am nächsten Tag im Pub in Newcastle waren. Über die Promotion von Kates Freundin, die sich mit Mobbing in der Künstlerszene befasst. Je größer der Druck, Aufträge zu bekommen, desto härter werden die Ellenbogen. Und ich möchte davon erzählen, dass Kates Freund auf Französisch darüber promoviert, wie Journalisten in einem afrikanischen Land uns Europäer sehen. Und wie das Ale auf einmal bitter schmeckte, als wir darüber sprachen, wie es wohl für uns alle nach dem Brexit sein würde.

Obwohl sie keine gläubigen Christen waren, kamen die Freunde am nächsten Tag in die Kirche, um mich predigen zu hören.

Versöhnung und Vergebung

Ich möchte von dem Treffen mit den Gemeindemitgliedern in Heworth erzählen und den vielen Fragen darüber, wie wir das denn in Deutschland machen, dass junge Menschen in die Kirche kommen. Und ob ich eigentlich auch Bier mag. Über das Nachdenken, was Vergebung und Versöhnung heißt, wenn sich am nächsten Tag im Gottesdienst plötzlich zwei Nationen treffen sollen, die sich einmal gegenseitig großes Leid angetan haben. Und was das wiederum alles im Horizont des allgegenwärtigen Brexit heißt.

Ich möchte von den Momenten erzählen, die mich am Remenbrance Day berührt haben:

Wie ich in dem Gottesdienst, in dem die Engländer an die Folgen der beiden Weltkriege denken, völlig überraschend von einer Kirchenvorsteherin auf Deutsch begrüßt wurde. Wie meine Kollegin das Vaterunser auf Deutsch betete, und das Abendmahl von den Ehrenamtlichen mit deutschen Worten geteilt wurde. Wie ich als Deutsche die englische Nationalhymne im Garden of Remembrance sang. Wie ich von vielen Menschen, die gerade an ihre toten Familienmitglieder gedacht hatten, umarmt, geküsst und bedankt wurde dafür, dass ich als Deutsche Pastorin auf Englisch über Versöhnung gepredigt habe. Wie ein Kirchenvorsteher am Ende des Gemeindekaffees zu meiner Kollegin sagte: „Bring her back.“

Es war ein Abenteuer, das ich in diesen sechs Tagen erleben durfte. Nicht wie in „Die Tribute von Panem“. Aber es erzählt trotzdem von wunderbaren, starken Menschen mit großem Herzen, von kleinen Wundern und vom Sieg über die Lebensfeindlichkeit.

#dnktt.