Die Kraft in der Krise

Jetzt hat es mich erwischt. Beim Zeitunglesen breche ich plötzlich in Tränen aus. Das Gefühl der Überforderung erreicht mich mit voller Wucht. Der Artikel berichtet von den Mitarbeitenden im Krankenhaus. Von der Angst davor, nicht helfen zu können. Von der Hilflosigkeit, die Welle heranrollen zu sehen und nicht genug tun zu können. Von zu wenig Personal, zu wenig Material, von zu vielen Sterbenden …

Auch, wenn ich noch nicht einmal ansatzweise in einer solchen Verantwortung bin – es rührt plötzlich an meiner eigenen Erschöpfung. Am eigenen Gefühl, an die Grenzen der Kraft zu kommen.

Ich bin momentan noch Lehrling in der Pressearbeit, aber dennoch hatte ich gemeinsam mit den Kolleg:innen und den Verantwortlichen in der Kirche bis dahin tagelang ohne Pause gearbeitet.

Und dann hat sie mich erwischt. Mitten in einem Tief. Die Welle der Emotion.

Seit Beginn des sich anbahnenden Kontaktverbots muss ich an meine Freunde denken, von denen ich weiß, dass sie in unglücklichen, (emotional) gewaltvollen Beziehungen leben. Ich lebe jeden Tag mit dem Gedanken: „Die sind da jetzt eingesperrt. Und die Kinder auch.“

Ich denke ständig an meine chronisch kranke Freundin. Ihr Sohn engagiert sich in einer Kirchengemeinde. Ich habe Angst, dass kirchlicher Aktionismus oder die Leichtsinnigkeit der Abstandslosen ihr den Virus ins Haus bringen könnte.

Ich leide darunter, die Menschen nicht treffen zu können, die mir wichtig sind. Mir fehlt meine Stammbar. Ich frage mich, was die Angestellten dort jetzt machen, und ob wir uns bald gesund und unbeschwert wiedersehen.

Über Facebook erreichte mich die Nachricht, dass Kollegen aus unserer englischen Partnerkirche den Virus in der Familie haben. Vor noch nicht einmal einem halben Jahr saßen wir noch lachend beim Bier zusammen. Jetzt kann ich es kaum begreifen: „Es kann doch nicht sein, dass die Menschen, die mir wichtig sind, nicht ausgenommen sind.“ Pandemie. Aber doch nur in den Nachrichten!

Nein. Die Pandemie ist überall. Sie betrifft jede:n.

Aber trotz allem: Ich weigere mich, mich von Resignation überrollen zu lassen. Ich habe das Vertrauen, dass die Krise vorübergeht. Ich versuche, so gut es geht, aus dem Kraft zu schöpfen, was da ist:           

Ein tolles Kolleg:innenteam. Viel Kontakt über Videokonferenzen mit anderen Menschen. Das Gefühl, dass Teamwork zusammenschweißt. Das Gefühl von Sinn, mit meiner Arbeit helfen zu können. Die Sonne, die auf meinen Balkon scheint. Die Dankbarkeit darüber, dass da draußen wunderbare Menschen sind, die ich jetzt vermissen darf. Die Gewissheit, dass wir uns alle bald wieder mit all unseren Erfahrungen in der Bar treffen werden.

Ja. Es ist ernst. Und bevor die Kontaktsperre aufgehoben wird, werden noch viele Tränen vergossen werden. Wahrscheinlich auch von mir. Aber das Leben wird tiefer, gerade durch den Schmerz.

Und manchmal hoffe ich auch ganz still und leise, dass diese Krise mein Leben und das meiner Liebsten verändern wird. Weil jetzt so klar wird, was im Leben wirklich wichtig ist. Dass die Zeit zu wertvoll ist, um sie in unglücklichen Beziehungen zu verbringen. Das Leben ist zu kurz, um nicht mit den Menschen zusammen zu sein, die man liebt. Oder um nicht die Arbeit zu tun, die man wirklich aus tiefstem Herzen immer schon tun wollte.

„Krise“ ist ein griechisches Wort. Es bedeutet sinngemäß einen Wendepunkt. Eine Krise hat immer auch die Chance, dass sich etwas zum Guten wenden kann. Es steckt eine schöpferische Kraft darin. Diese Kraft erhoffe ich mir.