Digitale Tränen – Wie Menschen in Trauer im Netz aufgefangen werden können

Ich bin bei einer Session bei der re:publica in Berlin, einer der wichtigsten Digitalkonferenzen der Welt: Viele Menschen sind im Raum. Trotzdem ist die Atmosphäre erfüllt von Stille. Fast andächtig ist die Stimmung. Es geht um Trauer im digitalen Raum.

Der Anlass ist der Tod von Mitgestalter*innen der re:publica. Die Netzgemeinde trauert. Und zu meiner großen Überraschung: Sie weiß nicht so richtig, wie.

Ich befinde mich mitten in einem digitalen Groß-Ereignis, bei dem einmal im Jahr Fortschritt, Technik und immer noch weitere Grenzüberschreitungen des Menschenmöglichen gefeiert werden. Und die Teilnehmenden sind ratlos angesichts der Grenzen des Lebens.

Das ist kein Wunder: Tod, Trauer und Ohnmacht können in die eigene Welt einbrechen, ohne dass Menschen darauf vorbereitet sind. Das Bedürfnis danach, all das in Ritualen bewältigbar zu machen, ist etwas sehr Menschliches. Dem Unsagbaren Sprache verleihen und dem Schmerz Würde, ist manchmal lebensnotwendig, wenn die Krise ohne Gnade zuschlägt. Das Unfassbare schreit nach Sinn. Und der Antrieb, geliebten Menschen einen Ort im Leben zu geben, ist groß.

Es gibt Menschen, die nehmen Video- und Audiomaterial ihrer verstorbenen Lieben und programmieren Bots daraus, die selbständig auf Interaktionen reagieren können – und zwar auf unterschiedliche Familienmitglieder jeweils anders.

Im Open-World-Spiel Minecraft erschließen sich die Spielenden schon länger digitale Räume für ihren Wunsch nach Gedenken an verstorbene Mitspieler*innen. Hier werden online virtuelle Friedhöfe und Kirchen gebaut. Orte, zu denen man kommen kann, um sich zu erinnern, und die für das Ritual bestimmt sind.

Sehr traditionell und trotzdem online gab es bei der Church of England die Möglichkeit, auf Twitter und in anderen sozialen Medien eine Kerze für geliebte Menschen digital anzuzünden.

Die Online-Kondolenzbücher der Bestatter*innen werden immer mehr angenommen, und der Hinweis der Institute an die Kirchen ist deutlich: Da geht noch mehr. Der Bedarf ist da.

Menschen, die traurig sind, sind im Internet genauso anzutreffen wie draußen auf der Straße. Allerdings habe ich als Seelsorgerin bei Leuten, die ich mit Klarnamen und in ihren persönlichen Bezügen kenne, nicht so große Chancen, ihnen über den Kontext von Trauerfeiern hinaus genau im richtigen Moment zu begegnen.

Seelsorge im echten Leben ist meistens mit Gesprächen im Vorbeigehen, am Supermarktregal oder beim Kaffeetischdecken verbunden. Meistens wissen die Menschen gar nicht, dass sie in diesem kurzen Wortwechsel gerade Seelsorge erfahren haben. Die Grundhaltung, die immer noch die meisten Leute in unserem Kulturkreis von Klein auf anerzogen bekommen, ist, dass es eine Schwäche ist, Hilfe für die Seele zu brauchen: „Ich doch nicht.“ Traurig sein darf man eigentlich nicht. Zumindest nicht über einen bestimmten (Zeit)Rahmen hinaus.

Auch, wenn oft eher das Gegenteil thematisiert wird: Das Internet kann Menschen auch Schutz geben. Gerade in Trauer und Krisensituationen können Formen des Ausdrucks von Trauer in anonymisierter Form hilfreich sein. Aber auch der Austausch mit Menschen, denen es ähnlich geht, oder das Erlebnis von Solidarität kann über Social Media als stärkend und unterstützend erfahren werden. Es ist egal, ob ich mit einem anonymen Ava oder mit meiner richtigen Identität im Netz auftrete: Ich kann meine Tränen in digitaler Form ausdrücken.  

Ich darf als Pastorin in der #digitalenKirche auf Twitter oft beobachten, wie es gelingt, dass User*innen einander beistehen. Einfach nur durch freundliche Antworten, Segens-Emojis oder durch ein „Das kenne ich auch“.

Auch auf Facebookseiten, in Facebookgruppen und in anderen Internetforen finden sich vermehrt Trauernde zusammen, um sich auszutauschen und einander zu stärken.

Als ausgebildete Seelsorgerin und durch das Vertrauen in das Amt, das Kirche Gott sei Dank noch immer besitzt, habe ich darüber hinaus immer noch weitere Möglichkeiten, mit Menschen online im Gespräch zu sein.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Pastor*innen und kirchliche Menschen mit seelsorgerlicher Ausbildung, die auf Social Media Gesicht zeigen, die ansprechbar sind, und die Menschen in ihren jeweiligen Lebensumständen begleiten, einfach, indem sie dauerhaft präsent sind.

Darüber hinaus gelingt es auch Accounts, die Institutionen wie die Nordkirche vertreten, eine begleitende Rolle für Menschen in Glaubens- und Spiritualitätsfragen einzunehmen.

Dies alles ist durchaus noch ausbaufähig. Gerade im Bereich der Trauer- und Erinnerungskultur sind die Kompetenz und das Potenzial der Kirche hoch. Im Netz sind die Möglichkeiten groß, sowohl Ausdrucksformen als auch persönliche Begleitung zu schaffen.

Der Bedarf daran ist groß. Ob Menschen einer Kirche angehören oder nicht, ob sie an einen Gott glauben oder an eine „Macht“ oder an gar nichts.

Sogar die re:publica hat in einer Session, an der ich mehr oder weniger zufällig teilgenommen habe, Netzgemeindemitglieder zusammengerufen, um gemeinsam angemessene Formen zu finden, wie Trauer und Erinnerung digital und analog funktionieren können.

Das, was dort an Vorschlägen von Nicht-Kirchenleuten zusammengetragen wurde, hat noch einmal deutlich gemacht: Möglichkeiten des Gedenkens, des Gesprächs und des Rituals werden in digitaler wie analoger Form gebraucht. Und zwar unabhängig davon, ob Menschen sich als „gläubig“ bezeichnen.

Die Teilnehmenden äußerten den Wunsch, dass Bilder der Verstorbenen Lieben als Erinnerung zugänglich sein sollten. Sie könnten durch eine App in Räume projiziert werden, in denen man sich bewegt. Als tröstliche Erinnerung daran, dass dieser Mensch sich dort auch einmal aufgehalten hat.

Aber auch Aufsteller, vielleicht nur als Umriss, in den Räumlichkeiten der Digitalkonferenz waren denkbar.

Die größte Überraschung für mich ist allerdings gewesen, dass an einem Ort, der ferner von Kirche wie nur irgendwie möglich anmutet, der Wunsch nach der Möglichkeit persönlicher seelsorgerlicher Begleitung, konfessionell und nicht konfessionell, geäußert wurde.

Hier verschränken sich digitale und reale Räume. Für Kirche bedeutet das zum Einen, dass sich ihr Raum weiten kann über die eigenen Kirchenmauern hinaus. Es bedeutet aber auch, dass sie sich Räume real erschließen kann, in dem Menschen sich in einem alltäglichen Kontext bewegen.

In jedem Fall hat sie etwas beizutragen im täglichen Kampf von Krisen, Hilflosigkeit und empfundener Sinnlosigkeit, den Menschen in allen möglichen Zusammenhängen durchmachen müssen.

Durch kontinuierliche Präsenz in den sozialen Medien ist es natürlich auch möglich, bei Menschen zu sein, die sich freuen, und die positive Erlebnisse mit der Community teilen. Wenn Kirchenleute das ebenso tun und in allen Lebenslagen authentisch Gesicht zeigen – in Freud und Leid – dann dient das dem Vertrauensaufbau für Leute, die vielleicht irgendwann mal jemanden brauchen, dem oder der sie vertrauen können.

Inter-Net heißt „Zwischen-Netz“. Es steht für die Verbindung von Mensch zu Mensch über das World Wide Web. Wenn auch Kirche diese Vernetzung gelingt, dann wird sie eine ihrer größten Kompetenzen entfalten können: Tragen, auffangen und halten. In allen Situationen des Lebens.