Was Kirche und Popstars miteinander zu tun haben

„Oh. Du hast einen Grammy gewonnen.“ Ich stehe in einem Zimmer in San Francisco. Mein Blick fällt auf den gerahmten Award an der Wand.

„Nein. Eigentlich waren es drei.“ Eric, Berufsmusiker und mein Gastgeber für ein paar Tage, zeigt auf die anderen Bilderrahmen im Raum.

Es stimmt. Da hängen drei Urkunden über einen der höchsten Musikpreise der Welt.

Wie bin ich denn da hingekommen?!

Ich bin für vier Wochen als Pastorin in San Francisco. Eric und seine Frau Dorothee sind so nett und quartieren mich für einige Zeit in eins ihrer Kinderzimmer ein. Mit Grammy-Award-Wanddeko.

Erics Familie stammt aus Mexico, also was liegt da näher als eine Tequila-Probe am Abend meiner Ankunft? – Ich kann auf jeden Fall sagen: Wenn man so um die zehn Tequlias verkostet hat, kommt man gut ins Reden.

Eric singt Bass in einem kleinen, aber berühmten Vokal-Ensemble, das Konzerte auf der ganzen Welt gibt. Aber es sind nicht die Preisverleihungen, die Celebrities oder die tollen Reisen, von denen er erzählt. Es ist der Moment, in dem seine Frau den Termin für eine Greencard bekommt: Er muss dabei sein, damit sie im Land bleiben darf, aber an dem Tag ist ein Konzert in einer anderen Zeitzone angesetzt.

Die Momente, in denen Erics Beruf sein Leben verschlingen will, machen seinen Job zugleich auch aus. Und es gehört immer auch eine tiefe Angst um die Existenz dazu: Inwieweit hat es Konsequenzen, nicht alles mitzumachen? Wird sein Vertrag verlängert? Bis zu welchem Alter wird er noch beruflich singen können?  

„Ja“, sage ich und nippe an meinem Tequila. „Kenn‘ ich.“ Ich erzähle ihm davon, dass mir mal gesagt worden war, dass ich niemals Pastorin sein würde und meine Karriere vorbei sei. Von den vielen Jahren, in denen ich mich Stück für Stück dahin gekämpft und so ziemlich jeden Rückschlag auf diesem Planeten mitgenommen habe. Von schlecht bezahlten und ausbeuterischen Stellen. Von Burn-Outs und von der Einsamkeit, dass kein Mensch in meinem Leben einfach nur so mit mir als Mensch zu tun hat. Dass ich auch für meine engsten Leute immer auch die Pastorin bin und nie einfach nur Carola. Von vielen Tränen, weil es trotzdem noch genug Leute gibt, die einem selbst das alles noch neiden und einem das Leben noch viel schwerer machen.

„Nach Außen sieht es toll aus, Ansehen und Status zu haben. Den Preis dafür sehen nur wenige.“

„I’ve been there.“ Eric hebt das Glas, hält kurz inne und kippt den Shot.

Wer hätte das gedacht, dass das Leben einer Pastorin und eines Musikers sich so wenig unterscheiden.

„Warum hast du das alles auf dich genommen?“, frage ich ihn.

Ruhig sieht er mich an.

„Ich musste es tun.“

Ich nicke.

„Same here.“

Ich muss es tun

Ich glaube, mir ist in meinem Leben nie deutlicher geworden, was „Berufung“ heißt. Eric hat es mit nur einem Satz ausgesprochen: „Ich muss es tun.“

So geht es mir. So geht es wahrscheinlich vielen, die bis zum Rand voll sind mit Begabung, Liebe und Überzeugung für das, was sie tun. Sie können nicht anders, Sie müssen es tun. Egal, ob man eine Chance darauf hat, damit Geld zu verdienen. Ob man alles, was man hat, dafür einsetzt, ohne Aussicht auf Erfolg. Ob die eigene Riege einen dafür zerreißt und belächelt, was man tut.

Auch ich weiß es ganz tief in meinem Innern, dass ich niemals eine Wahl hatte, etwas anderes zu tun als Pastorin zu sein. Obwohl ich wusste, dass der Kontext, in dem ich arbeiten würde, unpopulär ist. Ich wusste auch, dass ich nie wirklich mit den Standards zufrieden sein würde, die sich die Szene selbst gesetzt hat. Es gehörte für mich oft auch die Angst dazu, einen Vertrag zu bekommen. Aber noch viel mehr Angst, richtig gut in meinem Job zu sein. Oder Mut, wenn man die Medaille umdreht. Es bedeutete oft, zu leiden. Aber auch sehr oft, etwas zu bewirken.

Künstler*innen können wahre Kunst nur erschaffen, wenn sie alles riskieren, sich immer wieder so weit wie es geht aus dem Fenster lehnen und sich selbst und ihre Kunst neu erfinden. Madonna, Elton John, Lady Gaga. Sie haben alles gesprengt, was bis dahin den Rahmen gesetzt hat. Weil sie ihre Kunst nicht machen. Sie leben sie.

Dieses Immer-Wieder-Über-Grenzen-Gehen, auch über die eigenen, tut weh. Es verursacht Schmerz und Leiden. Es fordert Opfer. Künstler*innen wie Marina Abramović inszenieren genau dieses Leid, welches wahre Berufung fordert, am eigenen Leib.

Der Gedanke des Märtyrertums liegt jetzt nicht mehr fern. In diesem Kontext passt es sogar. Was hat Jesus anderes gemacht als für seine Überzeugung bis zum Äußersten zu gehen? Damit hat er andere zugleich ganz schön verärgert. Nämlich diejenigen, die bis dahin gesagt haben, wie es „richtig“ ist. Darauf kommt es mir hier an: Auf den Mut, zu verärgern. Grenzen zu sprengen. Über das Gewohnte hinauszugehen. Paulus sagt später in der Bibel, dass das Kreuz ein Ärgernis ist. Es kostet also etwas: Das, was es bedeutet, ein Ärgernis in der Welt zu inszenieren, fordert einen hohen Einsatz.

In anderen Kontexten würde ich sagen, dass etwas ganz gewaltig schief läuft, wenn das Leben aus Leid und Opfer besteht. Ich spreche hier ausdrücklich nicht davon, sich mit quantitativer Arbeit zu erschöpfen und die eigene Lifebalance zu missachten. Ich spreche auch nicht davon, demonstrativ anderen ein schlechtes Gewissen mit dem eigenen Leiden zu machen. Zumeist ist es das Leid an der eigenen Unfähigkeit, sich selbst Gutes zuzugestehen. Leider muss ich das so deutlich sagen. Aus Gründen.

Performance von Geschäftigkeit, Unentbehrlichkeit und Selbstlegitimation werden leider oft damit verwechselt, ganzheitlich für eine echte Überzeugung zu leben. Das bedeutet zugleich nämlich auch, aus dieser Überzeugung zu leben und gerade dadurch Kraft daraus zu schöpfen. Sogar ganz ohne Applaus. Den gibt es meistens gerade nicht von denen, die die Evergreens bringen.

Charisma

Ich glaube nicht, dass eine Künstlerin oder ein Geistlicher dafür sterben muss, was er oder sie tut. Aber die Kirche, wie wir sie kennen, stirbt. Die Mitgliederzahlen, die vor Kurzem veröffentlicht wurden, drücken das nur in Zahlen aus, was längst Realität ist. Viele Gemeindeglieder, Kirchenleitende und Nicht-Kirchenleute sehen und sagen das schon sehr lange sehr viel lauter als das geistliche Personal, das sich bisher oft auf Sätze zurückgezogen hat wie: „Wir machen weiter wie bisher und lassen uns nicht entmutigen.“ Wenn ich ehrlich bin, war es für mich auch noch nie so leicht, in der bisherigen kirchlichen Szene eine Lady Gaga zu sein. Aber ich bin nunmal eine – zugegebenermaßen in einer sehr anschlussfähigen Version – und es waren in vielen Jahren auch ein paar tausend Menschen in meinen Konzerten.

Deswegen weiß ich auch, dass Menschen begeistert sind von Begabung. Dass der Funke überspringt, wenn Leben in Farben, Töne und Worte übersetzt wird. Wenn ein Mensch es schafft, mit der tiefen und verrückten Liebe zu dem, was er tut, andere anzustecken, und wenn es jemandem gelingt – einer Sängerin, einem Maler, einer Pastorin – ihr eigenes Verständnis von ihrem Medium so zu transportieren, dass es anderen den Sinn ihres eigenen Lebens erschließt, dann begreift die Welt: „Die kann nicht anders.“ „Da ist noch was anderes.“ „Ich bin noch anders.“

„Charisma“ heißt auf Deutsch „Begabung“. Ein hochtheologischer Begriff. Wer damit in Berührung kommt, ist begnadet.

Für nichts anderes habe ich jemals meinen Beruf gemacht. Nur dafür ist meine Berufung da: Für die Kunst, den Funken des Glaubens an das Gute, an die Liebe und das Unglaubliche in dieser Welt überspringen zu lassen. Gerade bei den Leuten, die gar nicht auf Popmusik stehen.

Und da bin ich nicht allein. Es gibt einige Rockstars unter Kirchenleuten. Und der Mut, die bisherigen Standards zu überschreiten, wird größer. Kirche muss auch hin und wieder verärgern. Überall da, wo sie nur noch ihre eigene Melodie spielt, ohne sich von anderen Genres inspirieren zu lassen. Wenn sie auch außerhalb der eigenen Säle spielt, gibt es eine Chance, das Publikum zu erreichen. Kirche muss irritieren, riskieren, leidenschaftlich sein für das wofür sie steht. Es ist eine Kunst, so zu inszenieren, dass das, was man zu sagen hat, von Menschen gehört wird.

Erdung gibt festen Stand

Ich habe über die Jahre immer weiter verfolgt, in welchem Teil der Erde Eric einen Auftritt hatte: New York, Tokio, Paris, Stuttgart… Und ich habe immer wieder die Bilder gesehen, wenn er wieder zu seiner Familie in San Francisco nach Hause kam. Dort, wo seine Auszeichnungen an der Wand hängen.

Auch das gehört zur Berufung dazu: Nicht leichtfertig mit ihr umzugehen. Immer wieder zurückzukommen, zu dem, was Heimat gibt, und wo die Wurzeln sind, die tragen. Erdung gibt festen Stand und verhindert, abzuheben und den Bezug zu sich selbst zu verlieren.

Ich finde, dass es wichtig ist, die Homebase wertzuschätzen und darauf zu bauen. Auch ich werde immer wieder getragen von der Band, die an die gleichen Idole glaubt wie ich. Ich könnte auch sagen, dass ich von diesem Band getragen werde. So kann ich auch einen guten Job machen.

Den Award dafür gibt es im Himmel, sagt Paulus. Aber ist ja auch ganz egal.

Ich muss es ja tun.