Tür#1 Krisenadvent

2020 is a bitch. Spätestens seit dem zweiten Lockdown kenne ich eigentlich keinen Menschen mehr, der das nicht sagen würde. Oder sowas Ähnliches. Und wäre das ganze Jahr nicht schon scheiße genug gewesen, kommt jetzt auch noch die Weihnachtszeit und setzt dem Ganzen die Krone auf:

Du hast es ausgehalten, dass du mit nahezu der Hälfte deines Gehaltes weiter deine Leute durchbringen musstest. Dass du deine Kinder selber zu beschulen hattest, während du dich für die verbleibenden Kröten abgerackert hast: Entweder, indem du im Homeoffice zum Zoombie geworden bist, oder dich in Dienstleistungsberufen Tag für Tag dem Virus ausgesetzt hast. Du hast auf deine Kontakte verzichtet, auf deine Lieblingsbar, auf dein Fitnessstudio. Du hast dein Geschäft geschlossen, deine Hochzeit verschoben und deine Angehörigen ohne große Zeremonie beerdigt. Wer weiß, was du noch alles in Kauf genommen hast, um andere zu schützen. Und die meiste Zeit hast du es sogar aus Überzeugung getan, ohne zu jammern und dich zu beschweren.

Und jetzt kommt Weihnachten. Mit dem ganzen Mist von vorher, nur ohne Punsch auf dem Weihnachtsmarkt. Wenn das keine Krise ist, dann weiß ich auch nicht.

Vor ein paar Wochen hat es mich umgehauen. Ich kam ins Krankenhaus und musste den Job wechseln. 2020 ist echt eine bitch. Seit ich angefangen habe, davon zu erzählen, auf den völlig falschen Weg für mich gekommen zu sein, und mich am Ende erschöpft, leer und krank wiederzufinden, habe ich viel Resonanz darauf bekommen: „Mir geht es auch so.“ Jetzt weiß ich, dass die Pandemie für gar nicht mal so wenige Leute noch on top auf die Krisen kommt, die einen sowieso tagtäglich in den Hintern treten. Viele sind am Ende ihrer Kraft, unzufrieden und unglücklich mit dem, was sie tun und wie sie es tun müssen. Krise kennen die meisten schon.

Wikipedia sagt: Der Unterschied zwischen einer Krise und einer Katastrophe besteht darin, dass die Krise die Chance bietet, die Situation zu wenden. Es muss also nicht in der Katastrophe enden. Gerade Krisen haben das Potenzial in sich, etwas zu ändern, was sowieso schon immer scheiße war. Und jetzt sind die üblichen Methoden, das zu ignorieren, schönzureden oder zu verleugnen einfach ans Ende gekommen. Oder auch, das von anderen ignoriert, schöngeredet oder verleugnet zu bekommen. Fruchtet nicht mehr.

„Der kürzeste Weg aus der Krise führt durch sie hindurch“, heißt es. Schritt Nummer eins ist also: Gesteh es dir ein. Sprich es aus: „Ich möchte meinen Job nicht mehr machen, denn ich finde ihn scheiße.“ „Ich möchte mich von meiner Partnerin trennen, denn sie verhält sich wie ein Arschloch.“ „Ich habe keinen Bock mehr da drauf, ständig der Starke, die Tolle, das Beste auf dem Planeten zu sein und deshalb alles für jeden machen zu müssen.“ Und: „2020 ist eine bitch, und ich bin eigentlich wütend/möchte weinen/könnte schreien, weil das doch alles nicht wahr sein darf!“

So. geht doch. Das war die erste Tür, die in diesem Krisenadvent aufgegangen ist. Bis Weihnachten geht es weiter: Augen auf und durch.

In einer Adventsgeschichte heißt es bevor Jesus geboren wurde:

Du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. (Lk 1,77ff.)

… durch die Krise. Bis zum Licht am Ende des Tunnels.