Tür#7 Bis hierhin und nicht weiter

Als ich als Jugendliche zum ersten Mal die Bibel las, war ich entsetzt darüber, wie Jesus sich benimmt. Ganz ehrlich: Denkt man nicht immer, dass Jesus immer total nett war und der Inbegriff von Sanftmut und Freundlichkeit? Das stimmt überhaupt nicht! Ich konnte das gar nicht glauben, und habe mich auch entsprechend bei meinem Pastor darüber beschwert: Da schnauzt der seine Jünger an, wenn die ihm nicht vertrauen, pöbelt im Tempel rum, wenn Leute da einfach machen, was sie wollen, und solche Sachen. Das ist doch nicht richtig, oder? Man muss doch immer total lieb und nett zu anderen sein.

Mittlerweile bin ich ein bisschen älter geworden und weiß: Nein, das muss man nicht. Nämlich immer dann nicht, wenn das Gegenüber nicht nett zu einem ist.

Es gibt sehr wohl den Fall, dass Menschen sich überhaupt nicht genieren, mit ihren Aggressionen hinterm Berg zu halten und an anderen ungebremst ihre Laune auslassen. Dass sie mit ihrem Verhalten im Grunde genauso gut dem anderen mit der Faust ins Gesicht schlagen könnten, würde sie vielleicht selbst erschrecken. Aber natürlich kommt so ein Benehmen aus ganz eigenen Problemen heraus, sodass sie oft gar nicht die Kapazitäten haben, darüber nachzudenken.

Je mehr Zeit unter pandemischen Belastungen vergeht, desto öfter kann man auch Zeug:in solcher Szenen werden, wenn ein Mensch nicht so nett zum anderen ist: Im Supermarkt, wenn das Klopapieregal leer ist und die Kassiererin lauthals vor allen Leuten angegangen wird. Oder auch in den Arztpraxen, wo die Leute hörbar ungeduldiger und ungehaltener werden. Ist ja auch klar: Angst, Druck und Stress suchen sich ihren Weg. Bei dem einen so, bei der anderen so.

Es gibt aber auch noch andere Formen von Aggression und zwischenmenschlicher Gewalt: Sticheln, abwerten, nicht ausreden lassen, sagen, was „die anderen so über dich erzählen“ … Nur eine kleine Auswahl.

Früher habe ich immer gedacht, ich müsste nur besonders nett sein, dann würde das Gegenüber das schon merken, dass ich nichts Böses will und dann automatisch auch freundlicher werden. Kennst du das, dass manche Menschen dann noch unverschämter und übergriffiger werden? Und je netter du bist, desto weiter überschreiten sie deine Grenzen. Und weiter und weiter. Ein Teufelskreis.

„Aber ich muss doch als Christin extra nett sein, gerade zu denen, die sich wie ein Arschloch verhalten, damit die auch mal Gottes Liebe zu spüren bekommen.“

„Nein, muss ich nicht.“

Irgendwann habe ich kapiert, wenn ich solchen Leuten keine Grenzen setze, dann geht es a) mir nicht gut und b) den Leuten, die mir anvertraut sind, auch nicht.

In der Gemeinde habe ich die Erfahrung gemacht, dass die wirklich netten Leute einfach wegbleiben, wenn sich die Grenzenlosen grenzenlos ausleben können. Die meisten Menschen haben nämlich Besseres zu tun, als ständig in Gruppensituationen zu sein, in denen einer jemand anderen demütigt oder sich sonst irgendwie rücksichtslos auslebt. Warum soll man da hingehen?

Seit ich das weiß, nehme ich mir an Jesus ein Beispiel. Ich bin zu Leuten, die gemein sind, einfach nicht mehr nett. Das geht mit ganz einfach kleinen Dingen, blöde Kommentare locker abtropfen lassen: „Aha.“ Und einfach weiter machen. Bis dahin, eine Entschuldigung zu verlangen, wenn jemand wirklich etwas Gemeines gesagt hat.

Was wichtig ist: Grenzen setzen ist manchmal notwendig. Aber niemals selbst so gemein oder aggressiv werden, wie das Gegenüber. Gleiches mit Gleichem zu vergelten führt in meiner Erfahrung niemals zum Frieden, wenn es sich um Aggressionen handelt. Es ist kein Problem, jemanden damit zu konfrontieren, dass er oder sie gerade eine Grenze überschritten hat. Aber niemals unter der Gürtellinie und selbst verletzend. Mein Zauberwort ist „Klarheit“. Und zwar mit der guten alten „Ich-Botschaft.“

Sag, was dich stört, irritiert, verletzt, und bitte darum, dass in Zukunft anders mit dir umgegangen wird.

Es kann sein, dass dein Gegenüber nicht einsichtig ist. Es kann sein, dass sich nicht sofort etwas ändert. Aber wenigstens hast du etwas gesagt, anstatt noch freundlicher zu werden und dich damit zur Marionette eines anderen Ego zu machen.

Ich glaube sehr fest daran, dass es bei manchen Menschen der höchste Ausdruck von Nächstenliebe ist, Grenzen zu setzen. Es ist ganz sicher nicht nur so, dass aggressives Verhalten nur der Seele des anderen schadet. Grenzen zu setzen bietet immer auch die Chance für jemanden, sein Verhalten in den Nett-Modus zu ändern. Und dann ist ja auch gut. Das muss eine Beziehung überhaupt nicht beeinträchtigen. Der Gedanke der Trennung von Person und Werk hilft mir da sehr.

Also „What would Jesus do?” Grenzen setzen und trotzdem Respekt vor dem Nächsten haben.