Tür#9: Zur Hölle: Nein!

Unglaublich viele Menschen, die ich kenne, können nicht „Nein“ sagen. Und genau so viele können kein Nein akzeptieren.

„Kommst du heute Abend zum Essen mit Tina und Lisa?“

(‚Da würde ich lieber das Klo mit der Zahnbürste schrubben‘)

„Ach, weißt du, ich würde ja sehr gerne, aber ich habe Kopfschmerzen. Wenn die nicht wären …“

„Oh, kein Problem. Hier hast du eine super Kopfschmerztablette. Wirkt sofort.“

Das Ding ist: Krisenbewältigung kostet Kraft. Und wenn es sowieso schon an allen Ecken und Enden brennt, wenn Du Kinder, eine Partnerin oder Freunde hast, die dich gerade mehr denn je brauchen, und wenn du selbst auch schon am Rande deiner Kraft bist, dann ist eine Sache von elementarer Wichtigkeit: Alles, was du nicht möchtest und was dich noch mehr Kraft kostet, wird nicht gemacht: Der Umzug für die entfernte Bekannte, den Reißverschluss für den Nachbarn einnähen, die 20 unbezahlten Überstunden für die Firma: „Nein. Ist nicht drin.“ Wenn du das nicht sagen kannst, wird es eng.

Ich weiß: Das ist schwer. Aber ich weiß auch: Sehr oft möchtest du es trotzdem können.

Was also tun?

Eine sehr wichtige Sache, die ich in meinem Leben sehr mühsam lernen musste, war: „Ich bin ja gar nicht die letzte Cola in der Wüste, und wenn dieser Mensch jetzt noch von Sonntag bis Montag auf meinen Rückruf wartet, ist der Weltfrieden gar nicht ernsthaft in Gefahr.“

Übersetzt heißt das in etwa: So wichtig, wie ich mich selbst finde, bin ich die meiste Zeit gar nicht. Natürlich möchten das Leute manchmal ausnutzen, aber niemand wird sterben, wenn ich jetzt gerade mal nicht verfügbar bin. Entweder kann ich das auch Montag machen oder die Bedürftige findet eine andere Lösung für das Problem. Es gibt natürlich ein paar wenige Ausnahmen. Wenn jemand wirklich im Sterben liegt zum Beispiel.

Also: Die Wahrnehmung von der eigenen Wichtigkeit runterschrauben hilft schon einmal. Als nächstes ist es wichtig, sich klar zu werden: Will ich das eigentlich? Das ist manchmal auch nicht so einfach. Wenn ich es gewohnt bin, immer nur für andere da zu sein, dann habe ich manchmal gar kein Gespür für mich selbst. Oder, wenn ich Angst habe, dass man mich dann nicht mehr mag, wenn ich „Nein“ sage, dann mache ich lieber, was andere wollen und denke nicht so sehr über meine eigenen Bedürfnisse nach. Aber das ist gerade in Krisenzeiten unglaublich wichtig: Zu wissen, was man selbst braucht: Zeit, Ruhe, ein gutes Essen … Mach dir deine Bedürfnisse klar, sonst hältst du nicht lange durch.

Und wenn deine Antwort auf die Frage „Will ich das eigentlich?“ die Antwort ist: „Zur Hölle: Nein!“, dann ist es Zeit für ein klares Nein.

Wenn du an das Beispiel von oben denkst, dann wird dir sicher aufgefallen sein: Wenn es nicht klar ausgesprochen wird, wird es nicht gehört.

Wenn dein Gegenüber nicht so richtig Lust darauf hat, auf dich zu achten, dann kann es einfach nur das hören, was du sagst. „Ich habe Kopfschmerzen“ ( = „Ich will nicht“) – „Hier hast du was dagegen, also mach‘.“

Du wirst also nicht drumherumkommen, „Nein“ zu sagen. Das „zur Hölle“ musst du ja nicht unbedingt sagen. Vor allem, wenn du die fragende Person magst. Du kannst das auch freundlich tun: „Du wünscht dir, dass ich heute beim Essen dabei bin. Aber ich möchte lieber etwas mit meinem Freund unternehmen/mich ausruhen/mal nichts tun. Ich wünsche dir viel Spaß heute Abend.“

Du musst keine Begründungen liefern und dich nicht rechtfertigen. Du kannst einfach freundlich sagen, was du nicht möchtest.

Und die große Überraschung: Die meisten Leute akzeptieren das, ohne dir böse zu sein. Und wenn nicht: Ist nicht dein Problem. Du bist wirklich nicht ausschließlich auf dieser Welt, um andere Menschen glücklich zu machen. Wenn jede:r das für sich sekbst täte, wäre diese Welt schon ein ganzes Stück entspannter. Also fang du als erstes damit an. Wer weiß, ob sich andere nicht auch ein Beispiel an dir nehmen. Ein „Nein“ kann manchmal wirklich himmlisch sein.

Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen. (Mt 5,37)