Tür #15 Gut statt perfekt

Etwas, das dir dein Leben echt versauen kann, ist Perfektionismus. Ich weiß, wovon ich rede. Kennst du das: Bei allem, was du tust, hast du ernsthaft das Gefühl, die Welt geht unter, wenn es nicht gut ist? Und mit „gut“ meinst du natürlich perfekt.

Es hat sehr viel mit dem eigenen Selbstwertgefühl zu tun. Und damit, dass du denkst, dass du dich furchtbar blamieren könntest, wenn du nicht dein Allerbestes gibst, weil alle anderen ja sehr viel besser sind.

Die Konsequenz daraus ist, dass alles, was du tust, mit unglaublich viel Stress und Selbstquälerei verbunden ist.

Und jetzt kommt die gute Nachricht: Den meisten anderen ist es total egal, ob das perfekt ist, was du da ablieferst. Meistens gucken, lesen und hören die Leute nicht halb so gründlich bei deinen Sachen hin wie du selbst. Auch, wenn es auf den ersten Blick hart ist: Die meisten haben einfach Besseres zu tun, als sich mit dir und dem, was du machst, zu beschäftigen. Es sei denn, sie haben dich auf dem Kicker. Das liegt dann aber erfahrungsgemäß nicht daran, dass es schlecht ist, was du tust. Sondern am Gegenteil.

Ich bin auf jeden Fall geläutert, seit vor Jahren einmal meine Praktikantin im Theologiestudium eine Predigt in einer meiner Gemeinden gehalten hat. Sie hatte das vorher noch nie gemacht, und die Predigt war in einem theologischen Seminar sozusagen am Reißbrett entstanden. Sehr lang, sehr theologisch, ohne rhetorische Kniffe. Die Leute haben es ohne mit der Wimper zu zucken angehört und sich nachher sehr freundlich bei ihr bedankt. Da bin ich zum ersten Mal auf den Gedanken gekommen, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist, so viel Zeit und Kraft in das Schreiben der Predigt zu investieren. Spätestens als ein nicht theologischer Freund von mir aus lauter Spaß einmal am Esstisch aus dem Stehgreif eine komplette Osterpredigt nur aus Textbausteinen, die er im Laufe der Jahre in der Kirche aufgeschnappt hatte, gehalten hat, brauche ich statt acht nur noch eine Stunde für die Sonntagspredigt. Okay, manchmal auch zwei.

Gut statt perfekt. Dieses Prinzip habe ich auch im Vikariat gelernt. Allererste Regel ist die Frage: Wo lohnt es sich, wirklich in Qualität zu investieren, und wo ist es okay, wenn es nicht das Glanzstück des Jahres ist?

Deine Stammkunden werden dich nicht erdolchen, wenn du sie auch mal fünf Minuten alleine im Laden lässt, deine Schüler*innen kommen auch mal mit einer Stunde Frontalunterricht klar, und die regelmäßigen Gottesdienstbesucher wissen es zu schätzen, wenn du kurz und knackig auf den Punkt kommst und deine theologisch-rhetorischen Loopings weglässt.

Da kannst du deine Kraft lieber in Projekte stecken, bei denen es darum geht, neue Leute zu überzeugen, Geldgeber*innen zu finden oder wirklich relevante Botschaften in die Öffentlichkeit zu bringen.

Noch etwas ist wichtig beim Projekt „Gut statt perfekt“: Das Zeitmanagment. Wenn du etwas anfängst, egal was: Mache es möglichst in einem Rutsch fertig. Wenn du eine Sache beginnst und sie unterbrichst – Mittagessen, Termin, zu dem du losmusst etc. pp. – dann brauchst du für das letzte Drittel statistisch ungefähr nochmal die gleiche Zeit wie für alles, was du vorher schon erarbeitet hast. Also: Mach fertig, auch wenn du nur noch fünf Minuten hast. Es reicht aus.

Du reichst aus. In meiner Erfahrung wirst du das, was von dir erwartet wird, völlig ausreichend und gut genug machen. Und wenn nicht, dann sind entweder die Ansprüche der anderen überzogen oder du machst da etwas, was dir grundsätzlich nicht so liegt wie andere Sachen. Es ist keine Schande, etwas nicht zu können. Dann tu lieber das, was du kannst.

Niemand ist perfekt. Wirklich niemand. Aber du bist gut genug. Mindestens in den Augen des Einen, der dich auch ohne Leistung liebt.

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7)