Tür#17 Entgiftung

Im Jahr 2008 erschien das Buch „Der Arschlochfaktor“ von Robert I. Sutton. Der Titel ist reißerisch, aber es beschreibt die Realität: Es gibt Menschen, die machen einem das Leben schwer. Manche nennen sie Arschlöcher. Manche nennen sie Arschengel.

Ich mache das nicht. Ich gebe Menschen in Gedanken keine Schimpfnamen. Jedenfalls versuche ich das. Sobald du das tust, hat dieser Mensch Macht über dich. Wenn du einem Menschen mit abfälligen Namen bezeichnest, dann heißt das, dass er oder sie dir zusetzt. Diese Menschen verhalten sich wie Arschlöcher. Und das ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Sie sind nicht nett zu dir und machen dir das Leben zur Hölle. Es spricht sie nicht frei von ihrer Verantwortung für das, was sie tun. Aber du hast nichts davon, wenn du sich von deiner eigenen Aggression vergiften lässt.

An dieser Stelle ist es mir wichtig, zu sagen: Es ist immer eine Sache des Blickwinkels. Als Seelsorgerin kann ich ganz anders auf Menschen sehen, die anderen seelische Gewalt antun, als wenn ich selbst betroffen bin oder als Verantwortliche für Menschen, die darunter leiden müssen. Ich weiß, dass Menschen anderen Schmerzen zufügen, weil sie selbst leiden. Und ich bin sehr tief davon überzeugt, dass Gott einen liebenden Blick hat – wahrscheinlich gerade für die, die sich wie Arschlöcher verhalten.

Das, was ich jetzt sage, ist immer vor diesem Hintergrund zu verstehen: Nur, weil ein Mensch Schlechtes tut, ist er oder sie nicht schlecht. Und trotzdem müssen die Mitmenschen ja irgendwie damit umgehen.

Also:

Es geht um toxische Personen. Es gibt sie in dieser Welt. Es ist die Realität.

Toxische Personen erkennt man daran, dass sie spalten: Familien, Nachbarschaften, Kirchengemeinderäte, Kolleg:innenteams. Sie vergiften Systeme. Man erkennt sie daran, dass sie Menschen ausschließlich danach bewerten, ob sie ihnen zum Vorteil dienen oder nicht. Ihnen liegt nichts an echter Beziehung, sondern nur daran, selbst weiterzukommen. Wenn du ihnen nicht mehr nützlich bist, dann lassen sie dich fallen. Sie bringen Menschen gegeneinander auf. Manche lästern, machen andere schlecht, setzen Gerüchte in die Welt. Andere sind cholerisch und launisch und machen ihren Mitmenschen Angst. Wieder andere erpressen emotional, vermitteln Schuldgefühle oder manipulieren durch Krankheitsgewinn. Ihnen liegt nicht daran, zum Wohl der Gemeinschaft zu handeln, sondern nur daran, dass sie selbst gut durchkommen.

Natürlich liegt das daran, dass sie selbst unerträgliche Schmerzen im Leben erleiden. Darauf liegt an dieser Stelle aber nicht der Fokus. Mein Fokus liegt darauf, dass diese Menschen anderen Schmerzen verursachen.

Solche Leute richten leider immensen Schaden an, wenn ihnen keine Grenzen gesetzt werden. Mittlerweile gibt es sehr konkrete Rechnungen, welche Unsummen Unternehmen zum Beispiel Mobbing kosten kann: Krankheitsausfälle, Personalkarussell in der Abteilung, Minimierung der Arbeitsleistung. All das sind Konsequenzen daraus, wenn ein System vergiftet wird. Ähnliche Desaster verursachen toxische Menschen in anderen Gemeinschaften.

Mir war es deshalb immer wichtig, die Systeme, in denen ich mich bewegt habe, so weit wie es nur irgendwie geht, von toxischen Personen frei zu halten oder ihnen zumindest sehr klare Grenzen zu setzen. In der Kirchengemeinde habe ich das in der Verantwortung für die Menschen gemacht, die mir anvertraut waren. Und auch mein eigenes Leben halte ich frei von Leuten, die schädlich für mich sind. Ich versuche es jedenfalls. Eine einzige toxische Person reicht aus, um alles in kürzester Zeit zu zersetzen.

Wenn du in deinem Leben krisenfest und resilient sein möchtest, dann kann dir dieses Wissen helfen, standfest zu sein und Kraft zu haben – auch für die Herausforderungen und Wüstenzeiten in der eigenen Biografie.

Toxische Menschen sind nämlich auch Energievampire. Entweder saugen sie dich aus, weil sie dich dazu bringen, dass dein ganzes Leben sich um nur sie dreht, und du am Ende gar nicht mehr weißt, wo oben und unten ist. Oder deine Wut oder dein Hass auf sie frisst dich von Innen her auf.

Manchmal funktioniert es, dass diese Menschen von selber gehen. Wenn du es schaffst, ihnen soweit Grenzen zu setzen, dass sie sich woanders ihre Energie her holen wollen. Aber eben nicht mehr bei dir. Oder du musst das System verlassen. Manchmal hast du keine andere Möglichkeit. Geht keins von beidem in deinem Leben, gibt es ein Zauberwort: Kontaktreduktion. Meide die toxische Person, wo auch immer es geht, schließe sie aus deinem Leben und aus deinen Gedanken aus. Konzentriere dich auf Menschen und Dinge, die dir gut tun.

Man kann an toxischen Personen auch wachsen. Deswegen nennen mache sie auch Arsch-Engel. Weil die dir helfen, dich selbst besser kennenzulernen, mit der Zeit Erfahrungen zu sammeln, schädliche Menschen schon von Weitem zu erkennen und sich das Leben nicht mehr vergiften zu lassen.

Und wenn du dich jetzt selbst erkannt haben solltest, dass du auch manchmal giftig bist: Es ist nie zu spät, zu entgiften. Wenn du verstanden hast, wo genau dir die Energie in deinem Leben fehlt, die du dir möglicherweise von anderen geholt hast, dann kannst du etwas für dich selbst tun. Und Stückchen für Stückchen kann es dir besser gehen.

Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Die mich ohne Grund hassen, sind mehr, als ich Haare auf dem Haupt habe. Die mir ohne Ursache feind sind / und mich verderben wollen, sind mächtig. Ich aber bete, HERR, zu dir zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. Nahe dich meiner Seele und erlöse sie, erlöse mich um meiner Feinde willen. (Ps 69)