Tür#18 Selfcare

Selfcare ist Selbstliebe. Und man soll sich laut Bibel ja genauso lieben wie andere. Besonders in Krisenzeiten ist es wichtig, für sich selbst zu sorgen. Wenn du es schaffst, das durchzuziehen, kommst du weitestgehend unbeschadet auch durch kraftraubende Phasen und durch Episoden mit Niederlagen, Rückschlägen und Ohnmacht.

Ich hatte  eine sehr lange Zeit ein rotes Blatt Papier direkt an der Fensterscheibe vor meiner Nase, auf dem mit fetten schwarzen Lettern stand: „Ich zuerst“.

Ich brauchte das ernsthaft, um mich daran zu erinnern, mich um mich selbst zu kümmern. Als irgendwann alle 20 Minuten mein Telefon anfing, zu klingeln, es stündlich an meiner Amtszimmertür klopfte und gefühlt die ganze Gemeinde mit ihren persönlichen Problemen zu mir kam, während ich drei Trauerfeiern, zwei Taufen und einen Sonntagsgottesdienst pro Woche abliefern musste und dabei nebenbei noch den Kirchengemeindeverband und den Regionaljugendausschuss leitete, dämmerte es mir irgendwann: „Wenn ich es nicht schaffe, gesund und fit zu bleiben, dann kann ich nicht mehr für diese Menschen da sein.“

Also: Ich zuerst. Wenn es mir gut geht, dann geht es auch allen anderen gut. Dann habe ich Kraft und Kapazitäten für alle.

Am Anfang hat es wirklich Disziplin und gute Organisation gebraucht. Danach wurde es immer leichter, bis es selbstverständlich war: Selfcare.

Mit der folgenden kleinen Liste lasse ich dich an meinen wichtigsten Leitlinien für die Selbstfürsorge teilhaben:

1. Schamlosigkeit

In unserer Kultur ist es sehr tief verankert, dass „man fleißig zu sein und Leistung zu bringen hat“. Es ist kein Wunder, dass sich viele Menschen nur über ihre Arbeitsleistung definieren. Alles, was von kulturellen Normen abweicht, ist meistens mit Scham behaftet. Und wenn man nicht ständig geil abliefert und total emsig ist, dann könnte man ja in Verdacht kommen, faul zu sein.

Diese Scham musst du ablegen. Sag der kleinen Stimme in deinem Kopf, die dich antreibt: „Halt die Klappe.“ Hör nicht auf ihre Botschaften: „Du musst mehr machen, besser sein, nicht nachlassen.“ Es ist nicht wahr. Du musst gar nichts. Und natürlich kann es den einen oder anderen im Außen geben, der oder die die Nase rümpft, wenn du aufhörst, eine entsprechende Arbeitsperformance hinzulegen. Na und?

Ich kenne das auch: Gerade im Pastor:innenberuf ist es schick, sich total zu überarbeiten und dann lautstark darunter zu leiden. Ich habe schon oft erlebt, dass mit der eigenen Überlastung kokettiert wird, und der Narrativ der 60-Stunden-Woche total en vogue ist.

Lass die anderen gerne so leben und arbeiten – wenn der Narrativ denn wahr und nicht bloß Performance ist. Wer hat da wirklich etwas von? Du musst das nicht. Du musst dich wirklich nicht dafür schämen, dass du gesund und arbeitsfähig bleibst, indem du auf dich aufpasst.

2. Freizeit

Ich habe mal den Satz gelesen: „Du machst deinen Job. Du bist nicht dein Job.“ Das ist im Pastor:innenberuf nicht immer so ganz rein zu trennen, weil man durch die Berufung schon auch lebt, was man tut. Trotzdem war für mich die Erkenntnis wichtig, dass ich nicht 24/7 im Dienst sein kann, obwohl das dienstrechtlich sogar verlangt wird. Niemand kann so etwas leisten ohne einen Vogel zu bekommen.

Also: Sorge für freie Zeit. Wenn du nicht weißt, wie das geht, oder deine Kolleg:innen, Chef:innen oder Lieben nicht verstehen, dass du nicht durchgängig verfügbar bist: Besorg dir ein sehr aufwändiges Hobby. Am besten eins mit sehr vielen festen Terminen, die du dir in den Kalender schreiben musst. Da musst du dann hingehen, weil es so verabredet ist. Du musst dich dann mit anderen Dingen beschäftigen. Du bist dann einfach nicht da und erreichbar. Und dein Kopf ist gezwungen, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, als dem Mist, um den sich eh schon immer alles dreht.

Bei mir ist es mein Fitnessstudio. Da bin ich regelmäßig einfach nur Carola und nicht Pastorin Scherf. Was kann das bei dir sein?

3. Nimm dich selbst nicht so wichtig

Damit du es dir erlauben kannst, mehr freie Zeiten in dein Leben einzubauen, kann es helfen, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Mir hat das sehr geholfen, zu verstehen, dass die meisten Dinge nicht so wichtig sind, wie sie das einzufordern scheinen. Ich habe auch verstanden, dass ich selbst gar nicht so wichtig bin (wie ich vielleicht gerne gewesen wäre). Natürlich gibt es viele Aufgaben jeden Tag und viele Menschen wollen etwas. In meiner Erfahrung kann aber das meiste solange warten, bis du dein Brötchen aufgegessen hast oder du vom Frisör wieder da bist. Die meisten Leute können sich auch selber helfen. Das stellt sich zum Beispiel dann heraus, wenn du gerade mal nicht da bist und das Kind schaukelst.

Es muss auch nicht immer alles perfekt sein. Es reicht, wenn es gut ist. Manchmal reicht sogar mittelmäßig. Niemand stirbt, wenn du nicht immer alles sofort und perfekt machst. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Du krank wirst, wenn du nicht von diesem Ross runterkommst, ist ziemlich hoch.

4. Sinnloses und Hedonismus

Gerade in den schlimmsten, stressigsten und krisenhaftesten Zeiten deines Lebens: Fülle deine Zeit randvoll mit Vergnügen. Wenn dir  Menschen zusetzen, wenn deine Arbeit auf deine Seele zugreift, wenn der Stress wie mit Tentakeln dein ganzes Leben in den Griff hat: Entzieh dich. Pack so viel Kompensation wie es geht in deinen Tag. Es ist wie mit einer Waage: Wenn auf der einen Seite das liegt, was dich runterzieht, dann musst du auf die andere Seite das legen, was dich aufbaut.

Bei mir ist es: Essen gehen mit Freunden, Kino, Gin Tonic in der Bar, Urlaub, Wellness … alles, was direkt überhaupt keinen Nutzen hat sondern einfach nur Vergnügen macht. Was kann das bei dir sein?

5. Nichtstun

Wenn du schon fortgeschritten beim Thema Selfcare bist, ist eine der wichtigsten Lektionen: Nichtstun. Halte es aus. Keinen Termin, nicht irgendwohin fahren, niemanden treffen, nichts machen. Noch nicht mal schlafen. Einfach nur da sein. In die Welt gucken. Dich langweilen.

6. Bewegung und Ernährung

Der Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes, sagt die Bibel. Das bedeutet, dass du auch dafür sorgen musst. Sehr wichtig ist Bewegung. Egal, ob du jeden Tag nur spazieren gehst, ob du ruderst oder sonst einen Sport machst: Bewegung wird dir gut tun. Genauso ist es mit der Ernährung. Versuche mal, eine Zeit viel Gemüse zu essen, das Fett wegzulassen und auch Zucker und Alkohol weniger zu konsumieren. Du wirst dich fühlen wie neugeboren.

7. Beziehungen und Liebe

Sorg dafür, dass du Menschen in deinem Leben hast, die dich mögen. Die Liebe der anderen zu dir wird sich in dir selber spiegeln. Du wirst liebevoller mit dir umgehen, weil andere es tun. Du wirst dir selbst mehr verzeihen, weil andere es tun. Du wirst das, was deine Seele belastet, bei Menschen, denen du vertraust, loswerden. Du wirst getragen werden von einem Netz aus Beziehungen, wenn dir mal der Boden unter den Füßen wegbricht.

7. Dankbarkeit

Nichts im Leben sorgt für so viel Widerstandsfähigkeit, wie die Fähigkeit, dankbar zu sein. Ich musste es in meinem Leben lernen, dass es meistens die kleinen Dinge im Alltag sind, sind, die große Glücksgefühle machen können: Die Freude darüber, dass ich Zeit mit einer Freundin verbringen kann. Dass sie eine Bar in der Nähe aufgemacht haben. Dass ich in Lübeck und an der Ostsee an einem der schönsten Orte der Welt leben darf. Dass da der Wind ist, das Meer und der Geruch von Urlaub in der Luft. Ich bin auch dankbar dafür, was nicht da ist: Menschen, die mir schaden wollen, Arbeit, die ich nicht tun möchte.

Was ist es bei dir? Was macht dich dankbar? In welchen Momenten hüpft dein Herz?

8. Furchtlosigkeit

Alles, was ich bis jetzt gesagt habe, bezieht sich auf Bereiche, die in deiner eigenen Macht liegen. Es ist nicht selten so, dass du dir das Leben selbst schwer machst. Dann liegt es in deiner Hand, aus den selbstausbeuterischen Strukturen auszusteigen. Das ist schon schwer genug.

Aber natürlich kann es dir in deinem Leben passieren, dass du der Macht von anderen unterworfen bist und in fremde ausbeuterische Strukturen gerätst. Es gibt Arbeitgeber, die rücksichtslos ihre Mitarbeitenden ausnutzen. Und wenn du dann mit „Das kann jetzt aber noch warten“ kommst, dann kannst du mit Konsequenzen rechnen. Es gibt auch Vorgesetzte, die erwarten, dass du 24/7 verfügbar bist. Es gibt auch Firmenstrukturen, die dir keine Freizeit ermöglichen. Es gibt Partner:innen, die dir mit dem Entzug deiner Kinder drohen.

Meistens ist das mit Angst besetzt: Du kannst dich dem nicht entziehen und dir Selfcare erlauben, weil es durchaus Menschen gibt, die nicht zögern, ihre Macht über dich auch anzuwenden.

Also gibt es nur zwei Möglichkeiten. Aushalten. Oder gehen. Hältst du es aus, zahlst du am Ende dafür die Rechnung. Ich kann dir nur sagen: Wenn du dich in solchen Strukturen befindest: Geh. Ich weiß, dass du Angst hast: Um deine Existenz, um deinen Ruf, um deine Familie. Trotzdem sage ich dir: Alles das, wovor du Angst hast, ist nicht halb so schlimm wie das, was du aus Angst stattdessen mitmachst.

Es gibt noch eine dritte Option, die du anwenden musst, wenn du Kinder hast oder für Schutzbefohlene verantwortlich bist: Kämpfe. Diese Situation ist die einzig legitime für den Kampf. In allen anderen Fällen würde ich mir die Kraft sparen und gehen. Wenn du deine Verantwortung wahrnehmen willst, musst du deine Lieben mitnehmen. Oder dafür sorgen, dass der/die Gewalttäter:in geht.

In allen Fällen: Sei furchtlos.

Fazit

Selfcare ist Selbstliebe. Wenn du es schaffst, dich selbst zu lieben, kannst du auch liebevoll mit anderen sein. Es gibt so viele, die auf Liebe angewiesen sind. Gerade jetzt in dieser Zeit.