Tür#23 Gebet

Eine Krise wird in dem Moment zur Krise, in der du selbst nicht mehr alles in der Hand hast. Du kannst versuchen, Selbstwirksamkeit zu gewinnen und tun, was nötig ist, um auch in der Ohnmacht nicht zu verzweifeln. Manchmal ist alles, was du tun kannst, dafür zu sorgen, dass du es überlebst. So lange, bis es vorbei ist. Alles andere liegt außerhalb deines Verfügungsbereiches.

Niemand hat im Moment Kontrolle über COVID19 – eine Krankheit, an der Menschen auf der ganzen Welt millionenfach sterben. Du wirst auch niemanden dazu bringen können, dich zu lieben. Selbst wenn du es noch so sehr willst: Du hast keine Gewalt über die Gefühle eines anderen Menschen. Du wirst niemanden heilen, der abhängig ist – von Alkohol, Drogen oder mit was für einem Gift auch immer er oder sie sich zugrunde richtet. Und wenn du einen Schicksalsschlag erleidest, wirst du selbst nichts tun können, um es ungeschehen zu machen.

Aber auch, wenn es dir gut geht, wirst du in deinem Leben eine Kraft brauchen, die dich im Gleichgewicht hält und dich trägt.

In welcher Verfassung auch immer du bist: Du kannst aus der Kraft des Gebets schöpfen.

Nicht immer liegt alles in deiner Macht. Und das, was in deiner Macht steht, braucht Kraft von Innen.

Ich glaube, dass auch die innere Kraft aus einer externen Quelle gespeist werden muss. Ein Mensch kann nicht alles nur aus sich selbst herausholen.

In aller Ohnmacht, in aller Überforderung, in aller Erschöpfung liegt eine Macht immer bei dir: Du kannst beten. Alles, was dich bedrückt und irre macht, alles, was dich weinen lässt, alles, wovor du Angst hast: Du kannst es Ihm sagen. Dem Einen, der alle Macht der Welt hat, sie aber nur an uns verschenkt. Du kannst ihm anvertrauen, was du niemandem sagst. Du kannst ihm deine Tränen zeigen, die sonst kein Mensch sieht. Und du kannst ihn darum bitten, was dir sonst niemand gibt. Und du kannst danken: Für alles, was du – trotz allem – im Leben hast.

Und auch, wenn du nichts anderes tun kannst: Du wirst getröstet sein. Immer wieder. Bis ein neuer Tag beginnt.

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

(Dietrich Bonhoeffer)