Wie man beten kann – Eine Anleitung

In der letzten Zeit haben mir viele geschrieben, dass sie langsam nicht mehr können. Nach einem Jahr Corona mit all dem, was das bedeutet, sind die meisten langsam müde. Ich selbst auch, genau wie meine Kolleg:innen, die seit fast zwölf Monaten versuchen, als Seelsorger:innen Menschen Halt und Hoffnung zu vermitteln. Ich habe manchmal das unwillkürliche Gefühl, dass sich gerade eine Dramaturgik wie in einem Katastrophenfilm aufbaut: Plötzlich müssen wir mit den paar Impfdosen, die wir im Moment haben, einen Wettlauf gegen die aufkommenden Virusmutationen gewinnen. Dabei waren wir doch vor einem Wimpernschlag noch dabei, das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen! Das bedeutet jetzt also noch mehr Maßnahmen. Noch mehr Einschränkungen. Noch mehr Ohnmacht und Unsicherheit. Woraus sollen wir alle denn jetzt noch schöpfen?

Irgendwann sind alle seelischen Vorräte aufgebraucht, wenn man immer nur noch mehr verzichten und aushalten muss. Die Seele braucht Nahrung. Bedürfnisse und Sehnsüchte müssen erfüllt werden, denn davon leben wir. Das hält uns am Leben: Soziale Kontakte, Berührungen, Vergnügen, Freiheit.

Sich danach zu sehnen, dass sich die grundlegendsten Bedürfnisse erfüllen, ist ein Gefühl wie sich innerlich zu verzehren. Es gibt ein Gebet in der Bibel, das dieses Gefühl für mich so ausdrückt, wie Worte das nur tun können:

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, dem lebendigen Gott (Ps 42).

Und weil die Sehnsucht danach, wieder frei zu sein, und ohne Einschränkung zu leben, zu lieben und zu lachen, für mich so unfassbar groß ist, geht mir gerade immer wieder dieses Gebet aus der Bibel durchs Herz:

Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen hoffe Israel auf den Herrn! (Ps 130)

Das haben mir auch einige geschrieben: Dass es gerade in diesen Zeiten mit so wenig Hoffnung, aber so viel Sehnsucht hilft, zu beten. Wenn es keine Macht im Leben gibt: Eine gibt es. Wenn es keine Freiheit gibt: Eine gibt es. Wenn es keine Antwort auf die Sehnsucht gibt: Eine gibt es. Wir können beten und alles in die Hand dessen legen, der größer ist als wir selbst.

Wenn du noch nie gebetet hast oder wenn es lange her ist und du nicht so richtig weißt, wie du es tun sollst, hast du hier eine einfache Anleitung:

Beten

Eigentlich brauchst du nichts für ein Gebet. Du kannst einfach anfangen, mit Gott zu reden. Einfach in Gedanken oder wie in einem Selbstgespräch. Es gibt keine Regeln. Es gibt nichts Falsches, was du tun und sagen kannst. Du kannst aber auch ein paar Dinge tun, die dir beim Beten Halt geben.

Für das Setting kannst du zum Beispiel:

  • eine Kerze anzünden.
  • eine Bibel (Erbstück aus der Familie oder von der Konfirmation aufschlagen).
  • einen Engel vor dich hinstellen.
  • eine  Körperhaltung einnehmen, in der du entspannt bist und gut atmen kannst.
  • die Hände falten oder die Handflächen nach oben auf deine Knie legen oder beide Hände vors Gesicht halten und die Augen schließen.

Als Einleitung kannst du sagen

  • „Lieber Gott …“
  • „Gott …“
  • „Mein Gott und Vater …“

Oder etwas, das für dich passt.

Als Abschluss kannst du sagen

Amen.

Was du beten kannst

Dazwischen kannst du alles aussprechen, was dir auf der Seele liegt, wonach du dich sehnst und worum du Gott bittest.

Du kannst dir aber auch Worte aus der Bibel für dein Gebet leihen. Die Psalmen sind Gebete, die Menschen vor tausenden von Jahren gebetet haben. Sprich diese Worte und lege deine eigenen Gefühle hinein.

Du kannst auch das Gebet sprechen, das Jesus uns beigebracht hat:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

Auch, wenn du nichts anderes tun kannst: Du kannst beten. Und du wirst getröstet sein. Immer wieder. Bis ein neuer Tag beginnt.