Über Blockaden

Seit einem Jahr Lockdown, Kontaktbeschränkungen und Verzicht. Jetzt fängt die Fastenzeit an. Soll ich jetzt echt freiwillig auf noch mehr verzichten? Christliche Tradition in allen Ehren. – Aber ist jetzt nicht mal langsam gut mit den Kasteiungen?

Ehrlich gesagt kann ich mich dieses Jahr erstmal nicht dazu überwinden, Menschen davon zu überzeugen, sieben Wochen lang bis Ostern noch mehr Abstriche von dem zu machen, was Kraft gibt: Lebensqualität.

Ich glaube, es gibt ein paar Grundgefühle, mit denen man den Seelenzustand beschreiben kann, der das Leben von vielen Menschen im Moment dominiert:  Angst. Stress. Unsicherheit. Frustration. Einsamkeit. Aggression. Nicht alles bei allen, aber genug davon bei jedem.

Soll ich da jetzt ernsthaft noch das bisschen Schokolade oder die Zeit in den sozialen Medien wegfasten, wo ich doch eh schon nicht ins Café gehen und mich mit der Familie treffen kann?

Erstaunlicherweise habe ich den Eindruck, dass das Fasten trotzdem – besonders in diesem Jahr – vielen Menschen auch Kraft gibt. In den sozialen Medien erzählen gerade unzählige Leute davon, auf was sie bis Ostern gerne freiwillig verzichten möchten. Es scheint also auch eine befreiende Wirkung zu haben, Dinge nicht zu tun, zu essen oder zu konsumieren.

Vielleicht gibt es auch ein Zuviel des „Guten“, das zum Ballast im Alltag wird. Vielleicht tut es gut, wenn man sich dieses Zuviel von Leib und Seele hält.

Ich glaube daran: Je näher man zu sich selbst kommt, desto näher kommt man auch Gott. Es ist dann einfach nichts mehr dazwischen, was ablenkt. Ein bisschen was im Geist abzuspecken, worum sich vieles kreist, oder dem Körper die Möglichkeit zu geben, sich von dem zu erholen, was ihn belastet, kann einen wirklich wieder ins Gleichgewicht mit Gott und der Welt bringen.

Warum also nicht auf etwas verzichten, was das Leben letzten Endes noch ein bisschen schwerer macht? Die Aufgabe, danach zu suchen, was das im eigenen Leben eigentlich ist, bleibt dabei allerdings.

Ich finde die Fastenaktion der evangelischen Kirche in diesem Jahr gut: „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden“.

Mich hat das in den letzten Tagen dazu gebracht, mich zu fragen: „Womit blockiere ich mich in meinem Leben eigentlich selbst?“ Ich glaube, Schokolade ist es eher nicht. Aber ich frage mich, ob ich mir das eigentlich überhaupt alles erlaube, wozu ich grundsätzlich die Freiheit hätte. Wie Schokolade essen. Oder andere Dinge dieser Welt genießen.

Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, in der Arbeit die größte Rolle für mich gespielt hat. So sehr, dass ich keine Pausen gemacht und mir nichts darüber hinaus gegönnt habe. Das ist schon sehr lange her. Aber es hat viele Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich mir selbst in meinem Leben absolut Wesentliches blockiert habe: Bedürfnisse nach Freizeit, Schlaf, Lachen, Beziehungspflege, Lebensqualität.

Jetzt darf ich durch den Lockdown gerade vieles nicht tun, wovon ich damals gelernt habe, dass es mir Kraft gibt und mir gut tut.

Aber: Habe ich das vorher eigentlich genug getan, als ich jederzeit den Zugang dazu hatte?

Nutze ich jetzt den Spielraum, den ich trotz aller Beschränkungen von Außen immer noch habe?

Vielleicht sind die nächsten sieben Wochen bis Ostern eine gute Zeit, darauf zu achten. Auch auf mich. Zu mir selbst zu kommen. Und zu Gott.