Über die Stärke

Wenn du dir selbst jetzt deine Geschichte über das letzte Jahr erzählen solltest? Welche wäre das?

Von welchen Erfahrungen würdest du berichten? Würdest du davon erzählen, wie deine Welt sich auf den Kopf gestellt hat? Wie plötzlich alles anders war? Und wieder anders? Und wie du immer wieder neue Wege finden musstest, damit es trotzdem weiter geht?

Würdest du davon erzählen, wie du überfordert warst? Dass du Angst hattest? Oder dass Einsamkeit nach deinem Herz gegriffen hat? Würdest du von einem Verlust erzählen, der dir weh tut? Oder handelt deine Geschichte vom Vermissen? Vom Verzichten? Von der Erschöpfung?

Würdest du erzählen, dass die Zeit lang wird und die Kraft weniger?

Kennst du die Sehnsucht nach Stärke, wenn du selbst nicht mehr kannst?

Es kann mürbe machen, wenn du nicht so frei leben kannst, wie du es gerne würdest. Wenn deine Lieben dich nicht berühren dürfen. Wenn dir deine Kontakte fehlen. Es kann deine Seele auszehren, wenn du nicht weißt, wann deine Krise ein Ende hat.

Sogar die Hoffnung wird eines Tages schwächer.

Aber auch deine alltäglichen Aufgaben können Kraft kosten. Menschen in deiner Nähe können Kraft kosten. Konflikte, Streit, Neid, Anfeindungen… All das sind Energie-Killer.  

Vielleicht wünschst du dir manchmal, dass du selbst stärker wärst, als du dich fühlst.

Vielleicht sehnst du dich nach eigener Stärke. Vielleicht auch danach, dass jemand seine für dich einsetzt. Damit du ein wenig ausruhen kannst. Wenn dir dein Herz sagt: „Ich kann nicht mehr.“

So paradox es klingt: Besonders, wenn du schwach bist, kann sich jemand für dich stark machen. Besonders, wenn du schwach bist, kannst du zu deiner Stärke kommen.

Viele Menschen verwechseln Stärke mit Härte. Je bedrohlicher etwas für sie wird, desto härter und unnachgiebiger werden sie. Manchmal sogar unbarmherziger. Auch mit sich selbst.

Der Preis dafür ist hoch. Härte macht einsam. Und letzten Endes kostet sie die meiste Kraft. Niemand kann jemandem nahe sein, der kämpft.

Wahre Stärke muss nicht kämpfen.

Gerade, wenn ich weiß, dass ich Schwächen habe. Dass ich nicht alles kann. Dass ich nicht mehr kann. Dann weiß ich, dass ich nicht alle Kraft aus mir selbst holen kann. Ich bin immer angewiesen auf die Liebe von anderen. So, wie andere auf mich angewiesen sind. Und ich bin angewiesen auf Gott. Denn meine Kraft ist seine Liebe.

Liebe kann nur stark werden, wenn ich auf Macht verzichte.

Wenn ich meine Mauern sinken lasse, kann Liebe auch mein Herz erreichen.

Es ist ein Paradox: Diese Stärkung kommt nur, wenn ich es aushalte, schwach zu sein.

Wenn ich den Mut habe, meine Schwäche zu zeigen, bin ich in dem Moment erst stark.

„Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Sagt die Bibel.

Wenn du dir selbst deine Geschichte über das letzte Jahr erzählen würdest: Würdest du auch von Stärke erzählen? Aus der Rückschau vielleicht gerade in deinen schwächsten Momenten?

Gott selbst ist auch mal schwach gewesen. Er selbst hat die Härte von Menschen erfahren. Sieh auf das Bild von Jesus am Kreuz.

Gott selbst hat auf Härte und Demonstration von Macht verzichtet. Dafür hat er Liebe und Versöhnung gegeben. Das macht verletzlich. Und auch stark.

Diese Stärke ist die größte Macht. Auch in dir. Amen.