Klage ist die Widerborstigkeit der Seele

Eines der mächtigsten Gefühle im Menschen ist die Scham. Nicht die Liebe. Nicht der Hass. Sondern die Scham. Dieses Gefühl zwingt dich in die Norm.

Vielleicht hast du noch die Stimmen deiner Eltern im Kopf: „Stell dich nicht so an.“ „Hier wird nicht gejammert.“ Oder: „Jungs weinen nicht.“ Diese Sätze sollten dir helfen, dich zu verhalten wie alle anderen auch, damit du dich nicht blamierst. Das hat die Scham in dir lieber schon erledigt.

Mit der Scham ist es so wie mit dem Kleinkind und der heißen Herdplatte: Trifft dich der Schmerz, wirst du ihn in Zukunft vermeiden. Schämst du dich für deine Schwäche, wirst du sie möglichst nicht zeigen.

Es ist nicht en vogue, zu leiden. Es ist nicht schick, zu klagen. Auch die Schablone der sozialen Medien ist da bisher starr: Bilder von lachenden Gesichtern, tollen Erfolgen und bestem Essen erzählen dir Geschichten. Alles, was jenseits dieser Highlights liegt, wird meist nicht gezeigt. Bist du traurig oder erlebst Rückschläge, fühlst du dich nicht normal: „Alle anderen machen das besser.“

Jemandem sein Leid zu klagen, ist schambehaftet. Ich selbst habe es schon erlebt, dass ausgesprochen oder unausgesprochen klar war: „Das will ich nicht hören.“

Wenn jemand beispielsweise um einen Menschen trauert, dann sind andere damit oft überfordert. Wenn du in Krisenzeiten deine Stabilität verlierst, können andere damit nicht immer umgehen. Es ist für die Mitmenschen oft schwer zu ertragen, in die Schattenseiten des Lebens zu sehen. Lieber blendet man aus. Das hilft gegen die Hilflosigkeit. Was dann aber bleibt, ist die Scham für deine Gefühle.

Totschweigen macht den Schmerz aber nicht weg. Auch, wenn du dir mittlerweile mit deiner eigenen inneren Stimme sagst: „Hör auf, zu jammern.“ Vielleicht spürst du deine Traurigkeit oder deine Angst nicht mehr. Aber deine Seele kämpft damit. Lässt du es nicht ans Licht, wird es sich irgendwo eine Tür suchen. Manchmal wird der Körper krank. Manchmal setzen dir schlicht deine Nerven die Grenze. In jedem Fall wird es dich unbewusst steuern, wenn dein Leben darauf ausgerichtet ist, die Scham zu vermeiden, die brennt wie eine heiße Herdplatte.

Mich tröstet der Gedanke, dass die Bibel irgendwann einmal damit Schluss gemacht hat. Sie war buchstäblich mit ihrer Weisheit am Ende. Bis zur sogenannten „Krise der Weisheit“ im 6. Jahrhundert vor Christus hatte man für alles eine flotte Erklärung parat. Bei Misserfolgen hatte man eben selbst was falsch gemacht. Um sie zu vermeiden, gibt unter anderem das Buch der Sprüche gute Tipps zur entsprechenden Lebensführung. Der „Tun-Ergehen-Zusammenhang“, nach dem es dem Guten gut und dem Schlechten schlecht geht, war ein gutes Rezept, sich die tiefere Auseinandersetzung mit dem Leid von Hals zu halten.

Aber so funktioniert das Leben einfach nicht. Das Volk Israel hat in seiner Geschichte genug Niederlagen erfahren, um in den Schriften der Bibel zu der Einsicht zu kommen: „Im Leben hat alles seine Zeit. Lachen und Weinen. Höhen und Tiefen. Oft kann man es nicht beeinflussen. Man kann es nur so nehmen, wie es kommt.“ So rät es jedenfalls der Prediger Salomo.

Es nehmen zu können, wie es kommt, ist auch ein wesentliches Merkmal von Resilienz. Resilienz ist so etwas wie die Widerborstigkeit der Seele, unter Druck nicht zu zerbrechen. Sie kann sich eine Zeitlang biegen und flexibel machen.

Eine wichtige Voraussetzung für diese Widerstandsfähigkeit der Seele ist es, den Schmerz zu akzeptieren. Das geht aber nur, wenn ich die Scham dafür ablege. Dann darf ich auch jammern und klagen.

In der Bibel haben sich Menschen von dieser Scham befreit. Die Klagelieder erzählen von den Schattenseiten des Lebens. In den Klagepsalmen klagen Menschen Gott ihr Leid.

Am besten finde ich das Buch Hiob: Hiobs Freunde schieben ihm selbst die Schuld für seine Schicksalsschläge zu. Sie beschämen ihn mit ihrer Besserwisserei und dem Ziel, ihn zum Schweigen zu bringen. So wie du das vielleicht selbst auch schon von anderen erfahren hast. Aber Hiob bleibt bei seiner Klage. So lange, bis Gott sie hört.

Ich glaube daran, dass es ein Ausdruck tiefsten Vertrauens ist, Gott sein Leid zu klagen. Indem ich meine Klage ausspreche, akzeptiere ich mein Leid. Ich mache mich frei von der Scham, meine Seele ist erleichtert, und ich sehe vielleicht klarer, was ich tun muss.

In meinem Kirchenkreis wollten wir Menschen dafür Raum geben. Wir haben für eine Zeitlang auf Instagram den @Klageraum eingerichtet: Trauer, Wut, Verzweiflung – alles durfte dort einen Platz haben. Mit einem Team von Seelsorger:innen standen wir bereit, auf die eingehenden Nachrichten zu antworten, die verschiedenen Klagen in den Postings aufzunehmen und sie sie im Live-Gebet vor Gott zu bringen. Schnell war klar, dass die Corona-Krise eigentlich „nur“ on top auf die Sorgen kam, die Menschen sowieso schon haben: Beziehungsprobleme, Ärger bei der Arbeit, Schicksalsschläge. Dazu kamen die Erfahrung von Frust, Einsamkeit und Überforderung durch die Situation der Pandemie.

Das Projekt ist mittlerweile beendet. Was ich als Fazit sagen kann, ist: Die Erfahrung, nicht immer auf eine Klage gleich eine Antwort haben zu müssen, ist heilsam. Es ist heilsam, Leid auszuhalten und Klagen stehenzulassen. Niemand muss sich dafür schämen, wenn es ihm schlecht geht. Keine Stimmen der Welt müssen das zum Schweigen bringen. Im Gegenteil. Die Klage ist immer auch der erste Schritt aus dem Leid heraus.