Digitale Kirche

Social Media im Gemeindealltag

„Hat diese Pastorin denn nichts zu tun?“ ist ja eine der Reaktionen von Leuten, wenn sie mitkriegen, dass „diese Pastorin“ einen Blog hat, auf Facebook und Twitter schreibt und Bilder auf Instagram postet.

Schön ist auch immer die Frage: „Warum machen Sie das?“

Die Antwort ist total einfach: Weil es gar nicht anders geht.

Für Menschen der Generation Y, die zwischen 1980 und 1999 geboren worden sind, ist es so selbstverständlich, Social Media in ihrem Leben zu haben und darüber zu kommunizieren, wie Menschen heute telefonieren und E-Mails schreiben.

Das Internet ist ein Teil des Lebens. Und auch umgekehrt. Eine Trennung von online und offline macht für die Generation Y überhaupt keinen Sinn. Das Internet ist vom Real Life nicht mehr zu trennen.

Dies ist Realität. Es ist Teil des menschlichen Lebens. Das bedeutet, dass sich die Frage nach dem „Warum“ gar nicht stellt. Sondern nach dem „Wie“.

Dazu 5 Gedanken für die Praxis:

  1. Lass gucken!

Kirche hat einen Auftrag: Das Evangelium nach Draußen zu bringen. (Mt 28, 18-20)

Facebook, Twitter, Snapchat und Instagram sind dafür perfekt. Soziale Medien ermöglichen einen Blick nach Innen:

Was passiert denn da in der Kirche? Was machen die da hinter den Mauern? Wer ist da so alles anzutreffen?

„Menschen interessieren sich für Menschen.“ Diesen Satz habe ich mal von einer Fortbildung mitgenommen, bei der es darum ging, wie man Gottesdienst ansprechend macht.[2] Ich glaube, das trifft genauso für Social Media zu.

Ich erzähle also in allen sozialen Medien von mir und meinem Alltag als Pastorin. Auf Facebook versuche ich gerade, einen roten Faden zu entwickeln: Ich lasse Leute sehen, was ich den ganzen Tag #sehrfleißig mache. Man sieht Bilder aus meiner Perspektive, wo ich gerade bin und was ich tue: Bei der Kirchengemeinderatssitzung, in der Kita, bei der Dienstbesprechung oder in der Geburtstagsrunde. Meistens ist die die Kaffeetasse mit auf dem Bild, die bei Kirchens ja auch nicht fehlen darf.

Ich erzähle eine Geschichte. Von mir und meinem Leben. Persönlich, aber nicht privat.

Nichts anderes tut die Bibel. Sie ist ja auch immer mit Geschichten von Menschen verbunden, die Erfahrungen mit Gott machen. Social Media ist dazu da, Geschichten zu erzählen und sie über das World Wide Web mit der Welt zu teilen.

Ich persönlich denke übrigens auch, dass wir Menschen nicht nur erlauben, sondern sie ermutigen sollten, in den sozialen Medien ihre eigenen Geschichten über das zu erzählen, was sie in Kirche und Gemeinde mit Gott erleben.

Lasst uns also überall Schilder in der Kirche aufstellen: Share!

  1. Die Frisur muss gut aussehen!

In sozialen Medien spielt der Sympathiefaktor eine große Rolle. Nichts ist sympathischer als Authentizität.

Schreiben, wie ich spreche. Posten, was ich denke. Haltung zeigen, wie ich bin. -Nichts ist mehr sexy als ein Mensch, der den Mut hat, sich zu zeigen.

Daher: Gesicht zeigen: Auch mit Bildern von sich selbst.

Ich darf mich ruhig auch mit einer Meinung und einer Sprache zeigen, die herausfordert oder aneckt. Aber: Es muss echt sein. Und platt sein darf es auch nicht.

Und: Es darf auch nicht negativ oder beleidigend sein.

Wenn ich ein eher schlecht gelaunter Mensch mit einer negativen Weltsicht bin: In einem solchen Zustand lieber nichts posten. Das macht einen Menschen unsexy.

  1. Mach dich locker!

Die Kommunikation in sozialen Medien muss leicht sein, damit sie funktioniert. „Twitter“ ist „Geschnatter“. Heißt: Kurze Kommentare, die hintereinander weg erscheinen, und ganz schnell wieder weg sind. Auch bei Facebook und Instagram sind die Bilder und Texte sofort weiter nach unten gescrollt.

Wenn ich Menschen mit dem, was ich sage und zeige, erreichen will, muss es kurz sein. KURZ! Und prägnant. Wenige Worte und emotionale Szenen müssen direkt in Kopf und Herz gehen. Die Regel lautet immer: Bild schlägt Text. Also: nicht so viele Worte machen.

Immer gesetzt dem Fall, dass es authentisch ist: Was ich poste, darf auch witzig sein, mit einem Augenzwinkern. Ich darf mich auch mal selbst nicht so ernst nehmen. Aber es muss mir im Großen und Ganzen wichtig sein, was ich zu sagen habe. Ich muss dahinter stehen. Dann werden Menschen auch die Tiefe des Inhalts erfassen. In aller Kürze und durch den Humor.

  1. Rede mit den Leuten!

Kommunikation ist nicht nur One Way. Auch im Real Life nicht. Das ist allerdings ein Umstand, an den Kirche sich erst noch gewöhnen muss.

Soziale Medien geben Leuten die Möglichkeit, zu reagieren. Für Leute der Generation Y ist es normal, Facebook, Instagram und Co. zu nutzen. Das bedeutet auch: Diese Menschen sind es gewohnt, zu interagieren. In Dialog zu treten.

Hannes Leitlein hat in seinem viel beachteten Artikel zum Thema „digitale Kirche“ in der Zeit online geschrieben, dass es in der digitalisierten Welt keine Trennung mehr zwischen Sendern und Empfängern gibt.

Die theologische Entsprechung sieht er im Priestertum aller Gläubigen, das Menschen ebenfalls ermutigt, Evangelium und Glauben zu kommunizieren und in einen eigenen Dialog mit dem Evangelium zu treten.

Für mich bedeutet das:

Ich bin als Pastorin und Christin ansprechbar. Ich antworte, wenn jemand mit mir in Kontakt tritt. Ich setze mich mit Fragen und Provokationen auseinander, wie sich Menschen mit mir und dem, was ich zu sagen habe, auseinandersetzen.

Evangelium ist Kommunikation. Kommunikation ist Dialog.

Und es hat noch einen Effekt, dass Leute mich über soziale Medien ansprechen können: Ich werde darüber als Seelsorgerin frequentiert.

Menschen können sich sehr leicht, teilweise anonym, an mich wenden. Und das tun sie auch. Öfter, als jemand bei mir an der Pastoratstür klingelt.

  1. Blogge!

Meine Blog-Texte lesen im Moment drei- bis vier Mal so viele Menschen, als sonntags Leute meine Predigten hören. Tendenz steigend.

In einem Blog-Text kann ich alles vereinen, was auch Social Media ausmacht: Ich kann Geschichten erzählen aus dem Leben. Authentisch als ich selbst, kurz, witzig und mit Tiefgang. Und Menschen können darauf reagieren und es kommentieren.

Vor allen Dingen kann ich meine Texte auch auf Facebook und Twitter mit der Welt teilen.

Ich glaube, Menschen haben keine Lust mehr auf einseitige Predigten. Aber sie wollen etwas erfahren von Gott und wie er sich im Leben zeigt.

Ich finde, jeder Pastor und jede Pastorin sollte bloggen. Das, was wir zu sagen haben, müssen wir in der Öffentlichkeit tun. Social Media ist Öffentlichkeit. So kommt auch das Evangelium in die Welt.

 

Kirche in der vernetzten Welt – Digitale Kirche als Beziehungsnetz

Die Zukunft der Kirche ist digital. Das ist so sicher wie das Amen in derselben.

Warum ist das so? Gucken wir doch mal rein.

In den letzten Jahren bin ich ein bisschen herumgekommen und könnte einiges aus den Nähkästchen der evangelischen Gemeinden in Italien, Thüringen, Lübeck, San Francisco und New York erzählen.

Was haben die alle gemeinsam?

In meiner Beobachtung ist das im Wesentlichen vor allem die folgende Grundsituation:

Wenige Menschen evangelischen Glaubens, die oft mit den Kosten für Gebäude und Personal kämpfen müssen. Dabei müssen sie mehr und mehr entmutigt dabei zugucken, wie ihre Arbeit trotz großem Aufwand immer weniger Leute in die Kirche bringt.

Die digitale Kirche überwindet die lokalen Begrenzungen

Trotz allem hat Kirche einen Auftrag: Das Evangelium in die Welt zu bringen. (Mt 28,19f.)

Wie kann das angesichts dieser Umstände gehen?

„Gehet hin in alle Welt …“. Darin liegt bereits die Antwort: Das World Wide Web vernetzt Menschen weltweit miteinander. Genauso, wie das soziale Netz, das Menschen in der Kirche miteinander verbindet, auffängt und hält.

Egal, ob das Leute in einer volkskirchlichen Stadtgemeinde wie Lübeck sind, in Dorfgemeinden der entkirchlichten Regionen in den neuen Bundesländern oder deutschsprachige Christ*innen einer EKD-Gemeinde, die über große Flächen verstreut im Ausland wohnen: Alle sind angewiesen auf soziale Gemeinschaft, Vernetzung und auf die Kommunikation des Evangeliums.

Und nicht nur diese Menschen. Alle Menschen sind das. Ob sie Mitglied einer Gemeinde sind oder nicht.

Die digitale Kirche geht gemäß des Auftrags von Jesus Christus nach draußen in die Welt. Das Internet erschließt völlig neue Räume für die Vernetzung, Seelsorge und öffentliche Verkündigung.

Die Verbindung über Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat ermöglicht den direkten Draht zwischen Menschen. Es müssen keine Wege überwunden werden, es braucht keine Gebäude, und die Hemmschwelle für den Kontakt ist niedrig. Der Treffpunkt ist online. Die Gemeinde ist die Community, die allen offen steht.

Damit wird auch Nicht-Kirchenmitgliedern der Zugang zu Spiritualität erleichtert, die unter anderem in Online-Gebetsgemeinschaften wie #Twomplet geteilt werden kann. Auch Predigten und geistliche Impulse in verschiedenen Formen können digital in die Welt gebracht werden.

Die Möglichkeiten, das Netz auszubreiten und zu Menschenfischern zu werden, wie Jesus seinen Jünger*innen aufgetragen hat, sind riesig.

Die digitale Kirche ergänzt die Gemeinschaft vor Ort

Die Zukunft der Kirche ist digital. Aber die Kirche selbst kann nicht nur digital sein.

Das, was Kirche im Kern ausmacht, steht in der Bibel: Evangelium, Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebet.(Apg 2,42). Verkündigung, Gemeinschaft und Gebet kann man zeitweilig auch online teilen. Das Brotbrechen geht nur im echten Leben.

Nichts kann die persönliche Begegnung und den echten menschlichen Kontakt ersetzen. Aus diesem Grund sind wiederum die echten Gemeinschaften an realen Orten und wirklichen Räumen notwendig.

Gerade in Diaspora-Situationen und in neuen und fremden Heimaten braucht es realen Kontakt. Unter anderem auch, um die eigene Identität zu stärken, zusammen mit anderen, die mit mir Gemeinsamkeiten haben. Digitale Kirche kann dazu eine gute Ergänzung sein.

Das, was verbindet, ist das soziale Netz, der Glaube und das Evangelium. In Zeiten, in denen Gemeinden schrumpfen, Kirchen geschlossen werden und Tradition abbricht, müssen dafür neue Räume entstehen. Die #digitaleKirche macht sie auf.

Die Zukunft der Kirche ist digital. Amen. So ist es.