Manche Gottesdienste sind die Hölle

Es gibt Gottesdienste, die bringen mich ins Schwitzen. Die, in denen keiner weiß, was das alles soll. Inklusive mir.

Am Sonntag kam eine Taufgesellschaft in die Kirche, die unsere Stamm-Gottesdienstgemeinde mal eben vervierfacht hat. Ist eigentlich nicht schwer, denn die Zahl derjenigen, die sonntags ohne Anlass in die Kirche kommen – einfach nur für den Gottesdienst – ist sehr überschaubar. Also zehn.

Gott sei Dank (und das meine ich ernst) haben wir fast jeden Sonntag einen Anlass: Taufen, Chor, irgendwas mit Konfis. Und irgendwer muss immer begrüßt, verabschiedet und gesegnet werden. Gott. Sei. Dank.

So kommt es, dass in einer 5.000-Seelen-Gemeinde an sehr schlechten Tagen noch immerhin 30 Menschen in den Bänken sitzen. Oft aber mehr. Aber immer noch wenig genug. In unseren Nachbargemeinden von ähnlicher Größe herrscht noch mehr Kahlschlag in den Reihen.

Jedenfalls: Die Taufgemeinde im letzten Gottesdienst. Viele junge Eltern kamen mit ihren Kindern in die Kirche. Alle waren schick angezogen, alle fröhlich und feierlich. Ich glaube durchaus mit positiven Erwartungen an die Kirche.

Und dann geht es los. Lied Nummer eins: Oh ja, schön. Aber, äh, mitsingen ist echt schwer. Kennt man ja leider nicht. Da kann das alles noch so modern sein. Oder auch alt. Ist alles fremd.

Kein Problem: Als Pastorin bin ich dran gewöhnt, mittels meines eigenen Stimmvolumens eine ganze Gemeinde zu simulieren und aus vollem Halse den Liedtext mitzugrölen.

Bei der Liturgie ist das dann schon ein klein wenig schwieriger. Kyrie eleison.  „Was ist das denn?“ Steht in den Gesichtern geschrieben. Mit freundlichen Minen schauen die Leute bedauernd zu mir nach vorne: „Da sollen wir jetzt mitmachen?“

Mist! Das hätte man in dem Liederzetteln auch ausformulieren müssen! Vergessen. Von den Konfis ernte ich  höfliches Achselzucken. Sie haben das im  Konfirmandenunterricht gelernt. Aber auch vergessen.

Den Schwingungen im Raum nach zu urteilen, wäre das Liturgiesingen selbst mit Regieanweisung sowieso einseitig geblieben.

Weiter geht’s mit Lesung Nummer eins. „Torheit, Gnade …“ Oh Mann. Aber das fröhliche Lachen der anwesenden Kinder übertönt den Text und verhindert damit wahrscheinlich, dass die Taufgemeinde über den Inhalt allzu sehr nachdenkt und in Irritation ausbricht.

Lesung Nummer zwei. Noch mehr altertümliche Schachtelsätze. Die Kinder sind immer noch hörbar fröhlich. Mir läuft der Schweiß. Das alles hier ist ganz schön langwierig und langatmig fällt mir auf. Ob die anwesenden Eltern jetzt wohl auch schwitzen, weil sie ihre Kinder im Zaum halten wollen?

Endlich kommt die Taufe. Trotz des parallel laufenden Kindergottesdienstes wollten alle Kinder drin bleiben. Also haben sie dann mal eben mitgemacht. Der schönste Teil des Gottesdienstes.

Dann die Predigt. Kurz und knackig. Das Meiste hat die Leute hoffentlich erreicht. Vieles aber sicherlich nicht.

Wieder ein Dankgott: In der ganzen Zeit hat immer wieder unser Jugendchor gesungen. So toll, dass er die Leute spürbar mitgerissen hat. So sehr, dass die Kinder mucksmäuschenstill der Musik gelauscht haben. Das hat wahrscheinlich weit mehr gepredigt als die vielen schönen Worte von der Kanzel.

Und endlich: Der letzte Ton der Orgel verklingt. Geschafft!  Mit Gedanken von „Warum mache ich das eigentlich so?“, stelle ich mich an die Tür.

Und dann gehen die Leute vorbei und sagen doch tatsächlich: „Vielen Dank. Das war wirklich toll.“

Wow. Gelogen war das bestimmt nicht. Aber ein Zeichen dafür, dass der Heilige Geist wirkt, wo er will. Auch, wenn es ihm so schwer gemacht wird.