Seelsorge beim Frisör*

Pastor*innen haben ein schlechtes Image. Ich weiß, wovon ich rede. Ich gehe ins Fitnessstudio. Das ist die Version von 2019, Leuten „aufs Maul zu schauen“, wie unser rebellischer Kirchengründer Martin Luther das mal so schön vorgeschlagen hat. Was da gesprochen wird, ist, wovon alle sprechen. Die besten Restaurant- und Veranstaltungstipps der Stadt habe ich meistens auch von da.

Dass sich der Narrativ der weltfremden Geistlichen mit schlechtem Kleidungsstil und unmodischen Frisuren hartnäckig hält, bekomme ich meistens dann zu spüren, wenn Leute das rauskriegen, was ich beruflich mache.

„Oh Gott! Ich hoffe, ich habe gerade nichts Falsches gesagt“, ist eine wohlvertraute Reaktion, wenn Leute nach einer Weile Smalltalk dazu kommen, zu fragen, wie es denn so auf der Arbeit heute war. Oder so.

Dass im Fitnessstudio, beim Frisör und beim Arzt tatsächlich auch viel über Kirche gesprochen wird, fällt mir mit meinem getrimmten Ohr natürlich besonders auf. Aber, wenn die Tochter nächsten Monat kirchlich heiratet und man sich dafür eine neue Handtasche gekauft hat, wenn der Taufgottesdienst der Nichte viel zu lang war oder man an Heilig Abend in der Kirche Tränen in den Augen hatte, dann erzählt man sich das halt. Ist doch klar.

Das sind also die Gründe, warum ich weiß, dass Leute manchmal, aber nicht immer nur Gutes über meinen Berufsstand sagen.

Aber das ist eigentlich auch egal, denn von mir ahnt das oft ja keiner, dass ich diesem verpönten Club überhaupt angehöre.

Und so passieren dann Dinge, die weder ich noch die Leute je für möglich gehalten hätten, dass das auch Kirche ist.

Ich sitze beim Zahnarzt, und die Arzthelferin weint bei der Vorbereitung der Untersuchung ununterbrochen. Sie versucht, es zu unterdrücken und läuft immer wieder raus. Aber sie kann sich nicht beruhigen. So lange, bis ich sie anspreche.

Als ich die Praxis wieder verlasse, weint sie nicht mehr. Sie ist stabil und hält eine Telefonnummer in der Hand, die sie anrufen kann.

Ich bin im Urlaub Gast in einem Restaurant. Ein Rettungshubschrauber fliegt über die Terrasse, wo ich sitze. Die Kellnerin wird blass. Wir kommen ins Gespräch. Über schwere Unfälle. Über den Verlust von Menschen, die man liebt. Über Schmerz und neuen Lebensmut. Als ich ein Jahr später wiederkomme, gibt sie mir ein Glas Wein aus, bedankt sich für das Gespräch von damals, und wir reden über Veränderungen und neue Wege im Leben.

Oft weiß mein Gegenüber nicht, mit wem er oder sie gerade spricht. Sie wissen nur, dass sie sich getröstet fühlen. Nur für einen Moment. Und sie ahnen, dass das Leben tiefer werden wird, wenn der Schmerz vorbei geht.

Nach sieben Jahren auf meinem Kiez kann ich es allerdings auch nicht mehr immer und überall verheimlichen, was ich von Beruf bin.

Das ist der Grund, warum ich die Lebensgeschichten der Verkäufer*innen in den Läden, wo ich einkaufe, kenne. Deswegen weiß ich, wie es den Kindern der Arzthelferinnen geht. Und wie es so in der Berufsschule von Frisör*innen läuft.

Mittlerweile werde ich sogar immer wieder ganz offen angesprochen: „Können Sie mir mal erklären, was Pfingsten ist, das habe ich noch nie verstanden.“ Inzwischen muss ich wirklich allzeit bereit sein, theologisch brauchbare Auskünfte zu geben. Beim Bäcker. Im Wartezimmer. In der Bar.

Und ich bin bereit, Dinge zu hören, die andere nicht immer hören wollen.

Menschen reden gerne mit mir. Weil sie wissen, dass sie dann entspannter weiter in den Tag gehen können. Weil sie sich gesehen fühlen. Weil es Momente sind, wo sie sich zeigen dürfen, wie sie sind.

Es sind dann nicht nur meiner Augen, meine Ohren und meine Worte, die Menschen dann ein Gegenüber sind. Es ist das, woran ich glaube, und der, in dessen Dienst ich stehe. Manchmal wissen Leute das. Meistens nicht.

Pastor*innen haben ein schlechtes Image. Aber es ist ein Narrativ. Eine Gruselgeschichte. Die Wahrheit ist, dass wir Menschen sind, die für andere da sind. Manchmal auch in schicken Klamotten und mit tollen Frisuren.

* Berufe und Settings habe ich verändert