Das Leben hat einen Sinn

Ich stehe gerade vor einer großen Herausforderung: Nämlich nicht in Versuchung zu kommen, Dinge schönzureden.

Wir leben heute schon etwas mehr als ein Jahr in und mit einer Pandemie. Mit Unterbrechungen sind wir schon fast ein Jahr im Lockdown. Am 16. März 2020 ist das öffentliche Leben zum ersten Mal runtergefahren. Was das nach so langer Zeit heißt, wissen die meisten nur zu gut.

Für mich hat das bisher bedeutet: Ich habe Menschen, die mir lieb sind, kaum gesehen. Ich durfte Leute, die chronisch krank sind, und die mir wirklich etwas bedeuten, nicht besuchen. Ich hatte sehr viel Angst um andere, dass sie sich mit Corona anstecken könnten, und auch, dass ich selbst krank werden könnte. Und ich vermisse es wirklich, wieder ganz unbeschwert in meiner Lieblingsbar zu sitzen und mich zu unterhalten. Aber: Ich weiß: All das muss sein, um andere zu schützen.

Am Anfang der Corona-Beschränkungen habe ich wie viele andere versucht, vor allem Mut zu machen: „Haltet durch. Nutzt diese Zeit, um etwas Positives aus allem zu ziehen.“

Und ich habe letztens auch nochmal im Radio gehört, dass das am Anfang der Pandemie durchaus bei vielen so war: Viele Leute waren zuerst auch ganz froh darüber, so eine Art Atempause vom normalen Alltag zu haben. Es war wieder mehr Zeit für die Familie da. Stressige Arbeitswege sind weggefallen. Man konnte die Zeit nutzen, um die Küche zu streichen oder um online Japanisch zu lernen.

Am Anfang hatten viele auch noch das Gefühl, dass man den Zeitraum absehen kann, wann das alles mal wieder endet.

Da war so eine Mutmach-Botschaft wie: „Guck doch mal nach dem Sinn, den das alles für dich hat“, vielleicht für viele sogar ganz nachvollziehbar. Und ich habe tatsächlich selbst auch schon öfter mal die Erfahrung gemacht, dass Krisen und Zeiten, in denen man zwangsweise aus dem eingefahrenen Trott gerissen wird, Sinn haben.

Aber die vielen Toten der Corona-Krise, die können keinen Sinn haben. Das wäre wirklich ein Schönreden von Leid, das in sehr tiefer Weise erschütternd ist, und das ohnmächtig und hilflos macht.

Auch die ständige Gefahr für die eigene Gesundheit, in der wir weiterhin mit dieser Krankheit leben, lässt sich nicht schönreden. Und je länger diese Krise dauert, desto gefährlicher wird das auch für den psychischen Zustand von Menschen. Das weiß man mittlerweile auch.

Ja. Was soll ich jetzt sagen? Wir sind hier gerade in der Kirche. Wir bewegen uns gedanklich zu dieser Jahreszeit auf Ostern zu. Zu Ostern geht es darum, dass das Leben den Tod besiegt. Und die Lesung aus der Bibel sagt heute, dass der Tod einen Sinn machen soll:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. (Joh 12,24)

Heißt: Der Tod muss kommen, damit das Leben Frucht bringt. Aber Achtung: Es geht um den Tod von Jesus. – Jesus ist wie ein Weizenkorn, das in der Erde begraben wird, und das lebendig als blühendes Leben wieder aus der Erde kommt.

An dieser Stelle möchte ich den Bogen nicht gleich schon in Richtung Ostern nehmen. Das wäre Schönreden. Erstmal muss ich das aushalten, dass es das Leid gibt, um wirklich Hoffnung spüren und davon sprechen zu können.

So wie das bei Jesus auch war: Bevor er ein neues Leben geschenkt bekommen hat, musste er selbst unvorstellbar leiden. Und er musste sterben. Und zwar elendiglich.

Auch Gott musste das aushalten, dass seinem eigenen Kind das passiert.

Wenn wir Menschen verlieren, die wir lieben. Die vielleicht sogar noch Zeit hätten haben sollen. Und wenn wir mit ansehen müssen, dass Menschen leiden. Ohne ihnen helfen zu können: Dann ist das furchtbar. Es gibt nichts, das den Schmerz wegmacht. Das ist ganz genau so, wenn uns selbst sowas passiert. Furchtbar.

Ich würde es schönreden, wenn ich jetzt sagen würde: „Tod und Sterben haben immer einen Sinn.“ Aber ich kann aus Überzeugung sagen: „Tod und Sterben von Jesus haben einen Sinn.“

Hätte Gott selbst das nicht erfahren, so unendlich zu leiden: Wie könnte er uns dann verstehen? Wie könnte er uns trösten, wenn er nicht selbst den Verlust, die Trauer und den Tod erlebt hätte?

Ja: Gott hat Jesus am Ostermorgen wieder lebendig gemacht. Und ja: Das bedeutet, dass er eines Tages alle wieder lebendig machen will, die wir lieben. Aber das bedeutet nicht, dass es uns erspart bleibt, zu weinen, zu schreien und zu fragen: „Warum?“ – Auch zwischen Karfreitag und Ostern liegt eine Zeit der hoffnungslosen Trauer.

Ich glaube, dass es besonders vor unserem Hintergrund gerade vor allem einen Sinn hat, dass Jesus sterben musste:  Nicht der Tod bekommt einen Sinn, sondern das Leben.

Guckt in Gedanken auf das Kreuz: Das Leben ist verletzlich und endlich. Manchmal kann es grausam sein. Menschen in unserem Leben können grausam sein. Wir selbst manchmal auch. Ich auch.

Gott hat das am eigenen Leib erlebt. Und trotzdem ist er nicht verbittert. Er kann trotz allem immer noch lieben. So sehr, dass er verzeiht. So sehr, dass er immer wieder neue Chancen gibt. Bis hin zu einem neuen Leben.

Irgendwann werden wir alle dieses neue Leben geschenkt bekommen. Sagt die Bibel.

Bis dahin haben wir nur dieses Leben. Verletzlich und bedroht. Wie können wir es nutzen? Wie macht unser Leben Sinn? Gerade, wenn wir wissen, dass wir sterben müssen? Und besonders in einer Pandemie mit so vielen Einschränkungen und Veränderungen von dem, wie wir vorher gelebt haben?