Traditionsaufbruch

In unserer Kirchengemeinde gab es eine große Trauerfeier. Die Mutter eines Kindes aus unserer Kita war auf tragische Weise gestorben. Die Friedhofskapelle war brechend voll. Viele junge Familien aus der Nachbarschaft waren gekommen und hatten ihre Kinder mitgebracht.

Am Ende der Trauerfeier beteten wir das Vaterunser. Die Vierjährigen kannten das Gebet aus der Kita und konnten es selbstverständlich und laut mitbeten. Manche Erwachsenen wussten die Worte nicht auswendig. Aber mit der Hilfe der Kinder konnten sie einige Passagen mitsprechen. Das Gebet der Kinder hat sie getragen, wo sie nicht mehr weiterwussten.

Tradition aufzubauen ist unser Job

Menschen lernen von Menschen. Gebete, Riten, Geschichten und Gebräuche werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Geschichten, die heute in der Bibel stehen, wurden von Lagerfeuer zu Lagerfeuer erzählt, so wie heute noch Eltern und Großeltern ihren Kindern und Enkeln aus der Bibel vorlesen. So wie Familientraditionen, Rezepte oder Schmuckstücke immer weitergegeben werden, ist es auch mit dem Vaterunser, religiösen Festen und den Geschichten von Gott und Jesus. So ist es auch mit dem Glauben. Die Kinder erben einen Schatz aus Wissen, Halt und Vertrauen. Sie pflegen ihn und vererben ihn an ihre eigenen Kinder weiter.

Was aber, wenn Eltern und zum Teil Großeltern die christlichen Traditionen selbst nicht mehr so richtig kennen? Wer gibt sie dann weiter?

Es gibt Eltern, die ihre Kinder – neben der Not, überhaupt einen Kitaplatz zu ergattern – bewusst in einer kirchlichen Kita anmelden. Ich habe in den sozialen Medien mal nach den Gründen gefragt. Bei den Antworten war eine Tendenz zu erkennen: Diese Eltern erwarten sich hier eine kompetente und liebevolle Betreuung und die Vermittlung der traditionellen christlichen Werte (von denen sie noch ein ungefähres Bild haben).

Das bedeutet, dass es der Job der Erzieher:innen und der Pastor:innen ist, den großen Schatz von Geschichten, Ritualen und Festen zu tradieren. Darin transportieren sich zugleich auch Gottvertrauen und die Werte von Nächstenliebe und Respekt, die einen wesentlichen Teil des christlichen Glaubens ausmachen.

Wenn all das jedoch nicht mehr weitergegeben wird, wird das ur-menschliche Bedürfnis, Religiosität und Spiritualität zu leben, keinen Ort bekommen. Die Kirchen werden leer bleiben.

Die Kirche ist leer

Die Kirche ist leer. So ist momentan die Realität. In Gebäuden, die meist für mehrere hundert Menschen gebaut wurden, sitzt sonntagmorgens in der Regel eine Zahl von Menschen, die bequem auf zwei bis drei Bänken Platz hätte. Ausnahmen bestätigen die Regel. Auch die Listen mit den Namen der Mitglieder bekommen jährlich immer größere Lücken. 2019 und 2020 sind insgesamt fast eine Million Menschen aus der Kirche (evangelisch und katholisch) ausgetreten.[1] Wie wird das nächstes Jahr sein? Und im Jahr darauf?

Die Kirche ist auch im übertragenen Sinne leer. Die, die sie verlassen, sagen manchmal, dass die Worte dort leer sind. Sie können damit nichts anfangen. Wenn Leute mitbekommen, dass ich Pastorin bin, fragen sie mich manchmal, was sie denn für die Mitgliedschaft bekommen, die sie bezahlen.

Diejenigen dagegen, die in der Kirche bleiben, sind traurig, weil sie gerne etwas tun würden, um die Kirchen wieder zu füllen. Sie kennen es ja oft noch anders: 1960 waren fast 94 Prozent Mitglied einer der beiden großen Kirchen, 2020 sind es noch 51 Prozent.[2] Doch obwohl sie versuchen, Angebote zu machen, die Menschen in die Kirche holen, sind sie scheinbar ohnmächtig gegen den Trend.

Als Grund für diese Entwicklung wird immer häufiger ein Phänomen genannt: Traditionsabbruch. Das bedeutet, dass immer weniger Menschen die großen biblischen Narrative kennen, auf die zum Teil auch unsere Gesellschaft gründet, dass sie so gut wie nie gebetet haben oder in einem Gottesdienst gewesen sind und natürlich auch nicht mehr das Vaterunser mitsprechen können. Es bedeutet auch, dass sie nicht genau wissen, warum man eigentlich Ostern oder Pfingsten feiert.

Selbst wenn diese Menschen als Kinder noch getauft wurden, finden sie im späteren Leben keinen Zugang zur Kirche mit ihren Traditionen, Ritualen und ihrer Spiritualität. Zuhause und im Alltag spielt Religiosität keine Rolle. Es gibt also bis auf den Konfirmationsunterricht keinen Punkt, an dem sie anknüpfen können, um den Zugang zur christlichen Gemeinschaft und Religionsausübung zu erwischen. Dazu kommt: Immer weniger Menschen werden getauft, immer weniger gehen in den Konfirmationsunterricht, immer kleiner wird das Portal.

„Kommen Sie schnell, unser Sohn will getauft werden“

„Es tut mir leid, Frau Pastorin, dass es so eilt. Wir können unseren Sohn nicht mehr zum Warten überreden. Er will jetzt ganz schnell getauft werden“, sagt die Frau am Telefon und bittet mich, möglichst bald zu einem Hausbesuch zu kommen, um den Taufgottesdienst zu besprechen.

Ich weiß nicht so genau, warum es für Jonas so dringlich war, getauft zu werden. Seine Mutter erzählte mir beim Taufgespräch, dass er seit einiger Zeit darauf bestanden hat, jeden Abend vor dem Schlafengehen zu beten.

Vielleicht war es, weil ich den Kindern in der Kita gesagt hatte, dass sie Gott alles sagen können, was sie auf dem Herzen haben. Und dass Gott ihnen zuhört. Vielleicht war es auch, weil die Kitakinder in der Kirche unbedingt das Taufbecken anfassen wollten, als sie zu Besuch waren, und sich die Schrift darauf beim Darüberstreichen so schön angefühlt hat. Emily erzählte den anderen dabei, dass sie in diesem Taufbecken „geboren“ wurde.

Eigentlich hatten Jonas‘ Eltern gar nicht daran gedacht, ihren Sohn taufen zu lassen. Aber sie waren sowieso regelmäßig in unserer Kirche zu Besuch, seit ihr Kind in die Kita gekommen war, und hatten die Pastorin dort auch bei Festen und Andachten gesehen. Aber auch bei Festen in der Kita war die Pastorin da, um von Gott zu erzählen und die Kinder zu segnen. Deshalb waren sie gar nicht mehr abgeneigt. Ihr Kind hat ihnen schließlich auch keine Wahl mehr gelassen.

Kinder vermitteln die Tradition an ihre Eltern

Die Familie von Jonas ist durch ihren Fünfjährigen an das Ritual des Gebets gekommen, obwohl es vorher nie Tradition für sie gewesen ist.

Andere Eltern lernten von ihren Kindern auch die biblischen Geschichten kennen. Nämlich, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn im Kinderzimmer mit Kuscheltieren und Legosteinen nochmal nachgespielt hat, was die Kinder morgens in der Kita von mir gehört hatten. Eine Mutter erzählte mir auch, dass sie von ihrer Tochter ein Lied über Gottes Liebe gelernt habe, das die Kleine ständig Zuhause singt.

Viele Familien unserer Gemeindekita haben sich durch ihre Kinder auch ihre eigne Kirche erobert und sind in den Gottesdienst gekommen. Nicht oft, aber mindestens zu den traditionellen Festen Ostern, Pfingsten, Erntedank, St. Martin, Advent und Weihnachten hatten die Kinder ihren Eltern erklärt, dass sie am Wochenende keine anderen Termine annehmen dürften, denn da wollten sie in die Kirche. Schließlich hatten die Kinder bereits alles mit selbst gebastelten Sachen geschmückt und dort die Lieder geübt, die gemeinsam mit den Eltern gesungen werden würden.

Die Kirche ist für die Kinder (und damit schließlich auch für ihre Eltern) mit der Zeit zu einem vertrauten Ort geworden. Weil sie regelmäßig dort zu Besuch waren, haben sie sich diesen Raum zu eigen gemacht. Sie hatten dort jeden Winkel erforscht, alles angefasst, die Glocken geläutet und den Turm bestiegen. Manche sind auch einmal in der Woche zum Kinderchor dorthin gekommen, um mit dem Musiker dort Lieder über Jesus zu singen. Auch gemeinsam mit der Diakonin haben sie dort Erlebnistage verbracht.

Das könnte der Grund gewesen sein, warum die beiden Geschwisterkinder an Heilig Abend ihre Eltern vor dem Gottesdienst inmitten des Gewusels von 400 Besucher:innen einfach stehen ließen, mich vorne im Altarraum am Talarzipfel zogen und um einen Sitzplatz baten, an dem sie etwas sehen konnten. Jedenfalls haben die Eltern das später so interpretiert, die den ganzen Gottesdienst über nicht wussten, wo ihre Kinder eigentlich saßen.

Der Schatz der Tradition schafft Resilienz

Die Vermittlung der Tradition an Kinder und Eltern ist kein Selbstzweck. Der Schatz der Erzählungen in der Bibel, die Rituale, die Ereignissen und Gefühlen Ausdruck geben, und die Tradition, die uns über die Generationen verbindet, sind Lebenshilfe und Seelsorge. All das stärkt das Vertrauen zu Gott, zur Welt und zu sich selbst.

Die Resilienz, die dadurch in Menschen wächst, brauchen wir in unserer Gesellschaft dringender denn je. Das fehlende Vertrauen ineinander, die Angst, nicht gesehen zu werden, das Gefühl der Ohnmacht und Selbstunwirksamkeit, das mit wachsender Aggression kompensiert wird – all das gründet auch in fehlender Resilienz, dem fehlenden Glauben an Selbstmächtigkeit und der Mangelerfahrung an Liebe.

Einen Satz haben die Kinder in der Kita immer wieder gehört haben, war: „Gott hat dich lieb.“

Das hat Serkan, der größte Unruhestifter der Gruppe, am eigenen Leib erfahren. Wir spielten eine die Geschichte von der Segnung der Kinder aus der Bibel. Serkan wurde als erstes Kind von Jesus nach vorne gerufen – durch die Wand von Menschen hindurch, die ihm den Weg versperrten: „Du hast hier nichts zu melden!“ Dann wurde er gesegnet: „Gott hat dich lieb.“ Danach hat er nie wieder gestört.

Es braucht auch noch nicht einmal die Kenntnis der deutschen Sprache dazu, die gewaltige Kraft des Vertrauens in Gott zu erfassen. Als die Dreijährigen Neuanfänger in der Kita aus Familien aller möglicher Nationalitäten den Sternenhimmel bestaunten, den wir in einem dunklen Raum an die Wand projiziert hatten, und dabei dem jahrtausendealten Mythos von der Schöpfung der Welt lauschten, war mucksmäuschenstill im Raum. Ehrfurcht vor etwas, das größer ist als ein Mensch erfüllte die Atmosphäre. Die Bedeutung der Schöpfungsgeschichte haben die Kinder, die kein Deutsch konnten, nicht über die Worte, sondern mit dem Herzen verstanden. Dieses Erlebnis hat mich so berührt, dass ich danach ganz sprachlos war.

Dafür ist Kirche da: Die Tradition zu leben und weiterzugeben. Und schon länger ist es auch ihre Aufgabe, Tradition wieder aufzubauen. Dazu ist es in meiner Erfahrung wichtig, nicht nur in der Kirche zu bleiben, sondern auch rauszugehen: In die Kitas und zu deren Festen. In die Grundschulen. Überall dahin, wo Menschen sind. Auch die Lehrer:innen und Erzieher:innen können so (wieder neuen) Zugang zur Tradition, zur Spiritualität und zur Gemeinschaft finden. Und wir alle können vom Glauben und Vertrauen der Kinder lernen.

Vom Traditionsabbruch zum Traditionsaufbruch

Kinder, die die Tradition geerbt haben, werden sie nicht vergessen. Sie werden in den Konfirmationsunterricht kommen und sich zu einem Teil in der Jugendarbeit weiter engagieren. Sie werden in der Kirche heiraten. Oder mit der Kirche an einem Strand. Wenn sie eigene Kinder haben, werden sie sie zur Taufe bringen. Sie werden ihren Kindern die Bibel vorlesen und mit ihnen beten. Ihre Kinder werden sie darum bitten, dass sie in den Kinderchor der Gemeinde gehen dürfen. Und wenn sie Glück haben und sich in ihrer Kirche vor Ort wohl und willkommen fühlen, werden sie selbst dort immer mal wieder hingehen. Vielleicht werden ihnen auch die Worte, die dort gesprochen werden, nicht leer vorkommen.

Vor allen Dingen werden sie aber immer die Möglichkeit haben, in seelischen Belastungssituationen auf die uralten Gebete wie das Vaterunser zurückgreifen zu können. Sie werden einen Zugang haben zu einer Gemeinschaft, die trösten kann. Und sie werden Halt finden können in dem Glaubenssatz, dass Gott sie liebt, anstatt sich von Glaubenssätzen der eigenen Minderwertigkeit verunsichern zu lassen.

Ja: Die Tradition ist an vielen Stellen abgebrochen. Durch den Glauben der Kinder kann sie wieder aufbrechen. Unser Job ist es, diesen Aufbruch zu ermöglichen.


[1] Einmal im Jahr veröffentlichen die Deutsche Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland ihre Mitgliederzahlen.

[2] Menne, Katharina; Thielmann, Wolfgang; Bublies, Pia, „Nein und Amen“, ZEIT Nr. 30/2021