Joy to the Word!

Wie geht es Dir an diesem 4. Advent? In dieser Zeit vor Weihnachten?

Eigentlich sollen wir uns ja alle freuen. So sagt es jedenfalls das Motto für diesen Sonntag: Freuet Euch, der Herr ist nahe!“ Aber ist das denn so?

Unser neuer Bundeskanzler hat in dieser Woche gesagt: „Niemandem geht es wirklich gut in dieser Pandemie.“ Und er hat auch zugegeben, dass es ihm selbst nicht gut geht.

Eigentlich würde ich Olaf Scholz da am liebsten widersprechen und sagen: „So ein Quatsch, das kann man doch nicht pauschalisieren! Niemandem geht es wirklich gut in dieser Pandemie. Also bitte! Wie kann man sowas ausgerechnet in der fröhlichen Weihnachtszeit sagen? Das ist doch die Zeit der reinsten Freude!“

Aber – wenn ich ehrlich bin, beschleicht mich der Verdacht, dass das stimmt: Vielen Menschen geht es einfach nicht gut. Jetzt schon im zweiten Jahr der Pandemie. Mit dem zweiten Weihnachtsfest unter Coronabedingungen. Schon wieder gibt es eine neue Virusvariante. Schon wieder entscheiden sich Menschen aus gutem Grund und mit schwerem Herzen, sich mit Besuchen und Feiern in der Familie einzuschränken.

Viele müssen jetzt schon wieder Angst haben. Davor, andere anzustecken. Menschen, die man liebt, zu verlieren. Oder vor der beruflichen Zukunft. Wo soll das ganze Geld denn herkommen, das uns die Ausbreitung dieses Virus kostet?

Ich konnte diese Stimmung diese Woche so gut wie mit den Händen greifen. Da war ich auf dem Weihnachtsmarkt in Lübeck. Eigentlich könnte es ja im Moment keinen Ort geben, an dem es mehr Freude zu erleben gibt. Dachte ich.

Aber ich habe da all das in den Gesichtern der Schausteller:innen gesehen: Die Angst. Die Traurigkeit. Die Enttäuschung. Und ich muss auch sagen: Es ist ein komisches Gefühl, in diesem Tagen auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Normalerweise drängen sich da die Leute und essen und lachen laut und fröhlich. Und in diesem Jahr ist alles unheimlich still und leer. Die Stimmung ist bedrückend.

Ich muss Herrn Scholz wider Willen glauben: „Niemandem geht es wirklich gut in dieser Pandemie.“

Was machen wir denn jetzt aber mit der Weihnachtsfreude? „Freuet Euch in dem Herrn. Und abermals sage ich: Freuet Euch!“

Oder: „Joy to the World. The King is come.“ „Freude aller Welt, der König ist gekommen.“ Den Text dieses Weihnachtsliedes kann man auch in diesen Zeiten überall hören.

Der König ist gekommen. Heißt: Jesus wird geboren. Das ist der Grund zur Freude. Denn er wird alles verändern.

In der Zeit, in der Jesus geboren wurde, hatten die Menschen auch keinen Grund zur Freude. Niemandem ging es wirklich gut in Israel, wo Jesus zur Welt kam.

Die Bevölkerung war zwar nicht machtlos einem Virus gegenüber. Aber sie war machtlos gegenüber einer Besatzungsmacht. Diese Menschen waren nicht frei, so wie in einer Demokratie. Und sie hatten keine Chance, ihr Leben zu verändern.

Als Maria die Nachricht von einem Engel bekommt, dass sie mit Jesus schwanger ist, kannte sie diese Gefühle wahrscheinlich: Ohnmacht. Hoffnungslosigkeit. Angst.

Und ich kann mir vorstellen, dass sie als unverheiratete, mittellose Frau eigentlich noch einmal mehr Angst haben musste, weil das Schicksal mit einer Schwangerschaft bei ihr so zugeschlagen hatte. Und dann sollte ihr Kind auch noch der Retter der Welt werden. So sagt es ihr zumindest der Engel. Was wir ein Druck!

Und wie ist ihre Reaktion?

Merkwürdig. Sie fängt an zu jubeln:

„Mein Herz preist den Herrn, alles in mir jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter!“

Maria freut sich. Denn sie ahnt, dass sich alles zum Guten verändern wird:

„Ich bin nur seine geringste Dienerin, und doch hat er sich mir zugewandt. Gott hat Großes an mir getan, er, der mächtig und heilig ist.“

Alles ist hoffnungslos. Alles ist trostlos. Und Maria freut sich. Sie glaubt daran, dass es wahr ist: Der König wird kommen. Die Welt und das Leben werden besser werden. Die Ohnmacht wird ein Ende haben.

Ich bewundere Maria da, ehrlich gesagt. Denn sie vertraut da ganz tief und fest auf etwas, das noch nicht passiert ist.

Eigentlich spricht die Realität völlig dagegen, dass aus dem ganzen Mist, mit dem sie jeden Tag fertig werden muss, tatsächlich etwas anderes werden kann. Etwas Gutes sogar.

Aber: Sie glaubt daran, was der Engel ihr verspricht. Sie vertraut auf Gott. Unerschütterlich. Gott kann alles wenden, auch wenn es noch so aussichtslos ist.

„Er stürzt die Mächtigen vom Thron und richtet die Unterdrückten auf.“ Singt Maria in ihrem Jubelgesang.

Aus der Bibel wissen wir: Es wird wirklich so kommen. Ihr Kind, das sie bekommen wird, wird ein König sein. Ein Retter und ein Helfer. So nennt ihn die Heilige Schrift. Er wird Liebe und Hoffnung in die Welt bringen. Und er wird die Menschen ermächtigen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Aber: In dem Moment, in dem Maria sich freut und jubelt, ist all das noch nicht geschehen. Und sie hat keine Garantie, dass es Wirklichkeit wird.

Bis es soweit ist, freut sie sich einfach. Und sie vertraut.

Können wir an dieser Stelle vielleicht etwas von Maria lernen?

Wie wäre es, es auch mal zu versuchen, so zu denken:

  • Ich weiß es zwar nicht, aber ich vertraue darauf, dass bessere Zeiten kommen werden.
  • Es ist noch keine große Wendung in meinem Leben eingetreten. Aber jeden Tag kann es viele kleine geben.
  • Es gibt noch keinen Grund zu einem großen Jubel. Aber es gibt viele kleine Gründe, sich an kleinen Dingen zu freuen.

Maria kann nicht sicher sein, dass ihr Kind etwas Herausragendes wird. Aber sie freut sich schonmal darüber, schwanger zu sein.

Alle diejenigen, die ungewollt kinderlos sind, oder ein Kind verloren haben, die können sich da hineinversetzen, wie groß dieses kleine Glück sein kann.

Wieviel von diesem kleinen Glück gibt es womöglich noch zu entdecken? In jedem Tag? Auch bei Ihnen und mir?

Maria freut sich darüber, dass Gott sie in ihrem Leiden gesehen hat.

Wie viele Menschen sind einsam und freuen sich darüber, wenn ein Mensch sie wahrnimmt und mit ihnen spricht? Wie sehr freuen wir uns, wenn uns ein anderer Mensch wirklich sieht und versteht?

Wieviel Glück und wieviel Freude steckt vielleicht in unserem Leben – auch in diesen Zeiten – das wir womöglich unter all den schlechten Nachrichten übersehen?

Und vielleicht. Ganz vielleicht. Wird uns diese kleine Freude jeden Tag retten. Immer ein bisschen mehr.

Bis wir schließlich feststellen: „Ich freue mich! Der Herr ist nah. Der Herr ist da. Auch in meinem Leben. Amen.“